Radgeschichten: “mein” unerwartetes Brandenburg

Wenn du meinen Instagram Stories folgst, hast du sicher mitbekommen, wie gern ich in “meinem” Brandenburg unterwegs bin. Wir haben keine Berge. Dafür endlose Weiten und genauso idyllische Orte. Höhenmeter gibt es nur mit einhundert Auffahrten auf Brücken. Dennoch lohnt sich jede Ausfahrt in die Provinz. Raus in die Mark Brandenburg. Herrliche Alleen. Tausende Seen. Dazu Flüsse, Kanäle, Schlösser, Burgen und Parks wechseln sich entlang von neu ausgebauten Radwegen ab. Aber es gibt auch Ungewöhnliches. Wie geisterhafte Container- und Windkraft-Dörfer.

Kennst du auch solche Touren, wo die Eindrücke so vielfältig sind und mit Unerwarteten Details überraschen? Ich nehme dich in diesem Beitrag dort mit hin und erzähle dir auch von zuweilen eigenwilligen Wegen und Orten.  

Brandenburg ist definitiv nicht die Kanaren. Keinesfalls Kalifornien. Auch nicht die französische Atlantikküste, Portugal oder gar Hawaii. Oder wonach sonst sich mein so Fernweh geplagtes Ozeanherz sehnt. Nein. Ganz sicher nicht. Ich weiß, wovon ich spreche.

Der Charme von Brandenburg liegt im Banalen. Im Einfachen.

Die Frühlingsluft, die die weiten und kühlen Wälder umspielt. Der hitzige Sommer mit flirrendem Asphalt. Die Herbstwinde, die über abgeerntete Felder, die kargen Sandboden preisgeben, hinwegfegen. Der Sand, der nunmehr seit einigen Jahren immer wieder in der Luft liegt, weil die Böden nach jedem Winter in den regenarmen Monaten mehr und mehr ausdörren. Es weht ein beständiger Wind. Im Sommer brennt die Sonne, während die Hitze vom Asphalt aufsteigt. Wolken scheinen oft nur belanglose Dekoration am immer blauen Himmel. Regen ist angekündigt, erreicht uns aber nur selten.

Oft denke ich, dass es wenig gibt, was noch da ist. Aber dann zieht es mich doch hinaus aufs Land. Jedes Mal genieße ich es so sehr. Da sind dann diese manchmal tiefgrünen Weiten und sagenhafte Vogelwelten. All die Gewässer, die Moore und die wunderbar alten Ortschaften. Viel wurde saniert, erneuert. Manches verfällt. Wieder andere Landstraßen wirken mit ihren blitzblanken Leitplanken wie geleckt.

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Triathletin mitt Zeitfahrrad und Aero Helm vor Leitplanke lachend

Auf schlecht gelegten Routen muss man aufpassen, dass man im Nirgendwo nicht verhungert oder verdurstet. Rainald Grebe hat in seinem Lied gar nicht so unrecht, wenn er singt:

Nimm dir essen mit wir fahren nach Brandenburg!

Tante Emma Lädchen abgesperrt oder gar nicht mehr vorhanden. Bäckereien schließen die Türen, kurz nachdem das letzte bekannte Gesicht die morgendlichen Brötchen abgeholt hat. Kein Wunder, dass mir der alte Radsporthase der Familie erzählt, wie er im Hochsommer bei der ein oder anderen Feuerwehr einkehrte, um sich bei ihnen an Wasserhähnen den Kopf runterzukühlen. Viel bleibt nicht, wenn man die Großstadt verlässt. Was mich dennoch immer wieder dort hinaus treibt?

Es ist die Ruhe und es ist das Land. In manchen Gegenden sieht man weit und breit keinen Menschen, keinen Radsportler und schon gar keine Triathletin. Die Dorfkirchen sind das Highlight. Wenn man nicht über hundert Jahre altes Kopfsteinpflaster muss, hat man Glück. Mancherorts entstehen oder entstanden kleine Cafés. So wie in einem, in dem Buddhisten riesige Stück Kuchen verkaufen. Es herrscht an jedem Tag der Woche ein Andrang, als wäre man in einer Kiezbäckerei in Berlin Mitte.

Dann kann man wieder zig Kilometer fahren, ohne sonntags gestört zu werden. Über die Jahre nahmen die Radsportler mehr und mehr zu. Es gibt einige bekannte Orte, die Jahr um Jahr Radrennen, Paar- und sogar (ja, hier und da gibt es tatsächlich Erhebungen) Bergzeitfahren organisieren.

Triathletin auf Landstraße auf Zeitfahrrad fährt neben Leitplanke

Was leider in vielen Gegenden dennoch nicht für sonderlich mehr Akzeptanz von uns Zweiradnutzern auf den Straßen sorgte. Das wiederum ist ein genauso „weites Feld“, wie Brandenburg. Vielleicht kennst du das Zitat von Effi Briest? Ja, Fontane. Er schien sich auch ganz besonders in Brandenburg wohl zu fühlen. Sonst hätte er wohl kaum gleich fünf Bände über Wanderungen durch die Mark Brandenburg geschrieben. Den Birnbaum vom alten Ribbeck gibt es zwar nicht mehr. Dafür gibt es einen jüngeren Baum und eine ganze Birnbaumreihe. Alle Bundesländer haben vor einigen Jahren jeweils einen pflanzen lassen. Was für eine wunderbare Geste in “meinem” Brandenburg.

Alles Geschichten, die mir meine Familie über Jahre näherbrachte. So wie sie neulich wussten, dass die Ländereien vom alten Ribbeck vor vielen vielen Jahrzehnten vom Ort Ribbeck bis über die Bagower Heide rein ins gleichnamige Dorf gingen. Dazu kannst du dir das Schloss, die Saalkirche, die alte Schule und das Museum in Ribbeck näher anschauen. All das ist wirklich einen Abstecher mit dem Rad wert. Und es gibt Kuchen! Schon wieder. Wunderbare Torten, riesige Stücke!

Wir Radsportler sollen ja manchmal nur für Kuchen unterwegs sein.

Habe ich gehört… Köstliche Idylle. So wie in der russischen Kolonie Alexandrowka, die ich auf dem Weg zum Mittelpunkt von Brandenburg kurz hinter Potsdam erst neulich wieder durchquerte. Ein kleines Dorf aus dem Jahre 1826, das mit russischen Spezialitäten und wirklich sehenswerter Architektur lockt. Die Glienicker Brücke einige Kilometer vorher ist jedes Mal wieder ein so geschichtsträchtiger Ort, den ich gern bei meiner Routenplanung berücksichtige. So wie das Anhalten an wilden Brombeersträuchern. Genuss können wir Radsportler. Oder? Du nicht genauso?

In der Region befindet sich der Fahrlander See, der neulich für Schlagzeilen im regionalen Radio sorgte, weil die Kitesurfer die Wälder trotz höchster Waldbrandstufe wild beparken und das Schilf im naturgeschützten Uferbereich niedermetzeln. Weil ich gerade bei Schlagzeilen bin. Etwas positivere gibt es aus dem Nuthe-Urstromtal. Ich persönlich habe dort immer das Gefühl, dass es sich um die Radsport-Hochburg Brandenburgs handelt. So viele wie ich dort inklusive riesiger Gruppen an den Wochenenden treffe, sehe ich sonst selten.

Aber zurück zur Schlagzeile. Vor einigen Jahren siedelte sich Elch Bert neben mindestens noch zwei weiteren Elchen dort an und befreundete sich scheinbar mit einer Rinderherde unweit von Trebbin und Beelitz. Er wird regelmäßig gesichtet, was vermutlich die Gemeinde veranlasste, ein entsprechendes Schild aufzustellen. Schließlich sollten Autofahrer und vermutlich auch wir Radfahrer nicht von Bert überrascht werden. Kaum war das Schild da, wurde es entwendet und tauchte plötzlich aus dem Nichts nach reichlich Medieninteresse eine Woche später wieder auf,…

Ich glaube, ich habe in noch keinem Jahr wie in diesem, so entspannte Ausfahrten unternommen. Ich bin genauso häufig draußen auf dem Land unterwegs wie die letzten Jahre. Aber weniger ambitioniert. Ohne Wettkämpfe verschiebt sich der Fokus. Wir Triathleten sind meist strebsame Zeitgenossen. Aber wir können dennoch lockerlassen. Das habe ich gemacht und es ist nach wie vor herrlich. Ganz früh morgens die tiefstehende Sonne zu beobachten, wie sie zwischen den Bäumen hindurch flackert, um Minute um Minute höherzusteigen.

Aber auch das ist Brandenburg. Das überraschende, das ungewöhnliche Brandenburg.

Triathletin auf Zeitfahrrad auf Landstraße in schneller Geschwindigkeit

Inmitten der dahingezogenen Landschaften siedelten sich über Jahre Outlets und Einkaufszentren, Felder mit Solar- und Windkraftanlagen, Autohöfe und Gewerbeparks an.

Da bleibt wenig Urromantisches. Wenig von dem, wie ich gern “mein” Brandenburg sehe.

Was würde nur Fontane dazu sagen!?

Insbesondere rund um Berlin aber auch um Kleinstädte sind sie sehr präsent. Während dort in der Woche an entspanntes Radtraining nicht zu denken ist, wirkt sonntags alles wie eine Geisterstadt. So wie auf dem Land sind die Bordsteine hochgeklappt. Kaum ein Mensch verirrt sich dort hin. Warum auch? Dabei lässt es sich herrlich entspannt trainieren. Es ist nur ein Etappenabschnitt auf meinen langen sonntäglichen Routen. Das hatte sich vermutlich auch die Tage ein befreundeter Triathlet, den ich seit meinem ersten BerlinMan kenne gedacht. Gesehen. Rüber gerufen. Viel mehr Zeit auf der menschenleeren Straße verquatscht als wir wollten.

Dort im Gewerbepark sind die Straßen wie frisch geteert. Manchmal wünsche ich sie mir unterwegs im tiefen Brandenburg auf dem ruppeligen Pariser Pflaster in den winzigen Ortschaften. Mit Geschwindigkeit kann man dort hindurchbrausen. Entlang von Containerdörfern, die gestapelt zum Teil bis zum Horizont aneinander gereiht auf ihre Verladung warten. Überführungen bringen mich über Bahnschienen, über die im Landwind verlassen Bündel von Gräsern wie im wilden Westen hinwegwehen. An den Fahnenstangen klimpern die Stahlseile im nie enden wollenden Brandenburger Landwind. Die Verladekräne zeugen von eigentlicher Geschäftigkeit unter der Woche.

Triathletin vor Seecontainer in Brandenburg im Gewerbepark auf Landstraße auf Zeitfahrrad mit Aerohelm beim Radtraining

Es gibt so wunderbare Ausflugsziele in Brandenburg, die ich dir darüber hinaus noch ans Herz legen kann. Wie das Schiffshebewerk Niederfinow. Die Stadt Brandenburg mit dem Dom und Ronald, Kloster Neuzelle, Burg Eisenhart, Landgut Stober, Schloss Diedersdorf, der Schwielowsee, die verlassene Klinik Beelitz-Heilstätten,… Außerdem sind die Brandenburger so herzlich. Du kannst überall zur Erntezeit Obst, Gemüse und auch Marmelade, Konfitüre, Fruchtgelee,… kaufen.

All das und sicher noch so viel mehr ist “mein” Brandenburg, in dem ich ganz sicher auch an den nächsten Wochenenden unterwegs sein werde und jedes Mal etwas Wunderbares, Spannendes und hin und wieder etwas Unerwartetes entdecke.

Lust auf mehr Lesestoff rund um Radsport und Triathlon Training? Dann habe ich hier das passende Tag für euch: Radgeschichten.

Triathletin mitt Zeitfahrrad und Aero Helm vor Leitplanke und Wald auf Landstraße in Brandenburg lachend

Unterwegs war ich diese Triathlon Saison immer wieder mit meinen super bequemen Radsport Outfits von Craft und dem neuen Helm von rh+ Bike Z Crono. Dazu hier bald mehr in einem neuen Made-In Artikel! Gleiches gilt für einen für mich spannenden Beitrag über das Unternehmen BiSaddle aus St. George, das mir mit ihrem unglaublich individuell einstellbaren ShapeShifter SRT Sattel ein wunderbares Fahrgefühl bescherte. Nach wie vor immer an meiner Seite: der Garmin Forerunner 945 und für all die Radausfahrten der Edge 830 für die unzähligen Routen und ihre Planungen.

Alle hier gezeigten Fotos wurden von Oliver erstellt. Die Rechte an diesen Aufnahmen liegen bei ihm und mir. Eine weitere Nutzung ist nur in Absprache mit uns möglich.

Radgeschichten: "mein" unerwartetes Brandenburg
Oliver | Fotograf & Grafiker( Fotograf & Grafiker )

Als Fotograf & Grafiker von Eiswuerfel Im Schuh bin ich zusammen mit der Athletin ‘Din’ immer auf der Suche nach der nächsten sportlichen Herausforderung und den interessantesten Bildmotiven. Außerdem kümmere ich mich darum, die hier vorgestellten und getesteten Produkte und Sportbekleidung interessant abzulichten. Neben meiner Fotografie bin ich oft selbst sportlich unterwegs. Ich sitze sehr gern im Rennradsattel oder schnüre als Alternativtraining auch schon mal hin und wieder die Laufschuhe. Schaut gern auch auf meiner Facebook-Seite vorbei, auf der ich immer wieder neue Eindrücke mit euch teile.

4 Gedanken zu „Radgeschichten: “mein” unerwartetes Brandenburg“

  1. Liebe Din, das hast Du wunderschön zusammengefasst! Ich bin auch ein großer Fan. Was ich an Brandenburg unter anderem so toll finde, ist die Vielfältigkeit – der Spreewald, Buchenwälder im Barnim, die Uckermark, das Havelland, Städte, Dörfer, Wälder, Seen… Herzliche Grüße, Jana

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    • Hallo liebe Jana, absolut. Diese Vielfalt ist wunderschön und ich bei jedem Training wieder überrascht, was es so Wunderbares gibt. Obwohl ich gern und viel die gleichen Strecken abgrase, gibt es doch jedes Mal etwas zu entdecken.

      Dann genieße auch weiterhin dieses herrliche Brandenburg.

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  2. Danke, Din, dass du “unser” Brandenburg so schön beschrieben hast. “Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah…” Und wie viel Glück wir mit unserem Brandenburg doch haben: Wälder, Felder, Seen … und die verschiedenen Jahreszeiten, die diese Wunder immer wieder in ein neues Licht tauchen. Wenn uns auch oft und gern das Fernweh packt, am schönsten ist es doch zu Hause …

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    • Ja. Zu Hause ist es einfach mit am schönsten. Ich bin so gern laufend und mit meinem Rad dort unterwegs. In diesem Jahr noch häufiger als sonst. Aber es ist sehr sehr schön so. Eine herrliche Zeit, die ich trotz Fernweh sehr genieße und zu schätzen weiß.

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