Escape from Alcatraz Triathlon – Teil II – Das Schwimmen

Der vermutlich aufregendste Abschnitt – das Schwimmen beim Escape from Alcatraz Triathlon – begann mit einem spektakulären Sonnenaufgang, einer Schifffahrt und dem Sprung in die eiskalte San Francisco Bay. Dazu eine Strömung, die einen in alle Richtungen schubste. 100 Kanus und Boote, die uns Schwimmern den Weg flankierten. Ein Schiff, das mit den Wellen so auf und ab schaukelte, dass die Insel Alcatraz auf der einen Seite und die Skyline von San Francisco auf der anderen immer wieder ober- und unterhalb der Fenster verschwanden.  

Das Schwimmen beim Escape from Alcatraz Triathlon ist an Verrücktheit vermutlich nur schwer zu übertreffen und es lief so komplett anders als erwartet. Aufregung pur!  

Das Rennen war sowohl von den Organisatoren als auch von mir perfekt vorbereitet, wie du in meinem ersten Beitrag zum Escape from Alcatraz Triathlon vielleicht gelesen hast. Nun gut, das mit dem Flickzeug für das gemietete Rad hätte besser gehen müssen. Der Gedanke daran, dass ich keins hatte, sorgte hin und wieder für spontanes Herzpochen. Aber es ließ sich nicht ändern. Dennoch wanderte mein erster Blick, nachdem mich das Taxi schlaftrunken kurz nach halb 5 Uhr morgens in absoluter Dunkelheit am Marina Green abgesetzt hatte, sofort zu meinen Reifen. Ich tastete etwas daran herum. Alles sah gut aus und fühlte sich auch so an!

Der Morgen

Einrichten der Wechselzone

Der Tag begann bereits vor 4 Uhr mit einem winzigen Frühstück im Hotel, das ich später vor dem Start noch etwas ausweitete. Denn das Schwimmen beim Escape from Alcatraz Triathlon war für mich mit einer Stunde eingeplant. Eventuell sogar länger, wenn mich die Boote aus dem Wasser fischen sollten.

Ich wollte nicht das Schlimmste erwarten. Rechnete aber mit allem.

Dass ich breit grinsend das Wasser verlassen würde, konnte ja niemand vorher ahnen!

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Schwimmen beim Escape from Alcatraz Triathlon

Mit der Dunkelheit hatte ich jedoch absolut nicht geplant. Noch nie hatte mir die Taschenlampe meines iPhones so gute Dienste geleistet. Der kalte Wind, der mit jeder Minute dort am Yachthafen zunahm, war ebenfalls nicht zu unterschätzen. Entsprechend schnell krabbelte ich in meinen Neoprenanzug. Wohlwissen, dass ich später noch viel mehr frieren würde. Ich mochte gar nicht daran denken! Der Wind wedelte allerhand Kleinigkeiten durch die Luft, die ich zuweilen von meinen Rädern entfernen musste. Obwohl ich so früh in der Wechselzone war, lag Spannung in der Luft. Die Wechselzone lag unmittelbar neben der Ziellinie und dem Fitness Festival, wo ich bereits mehrere Stunden am Tag zuvor verbracht hatte. Alles war also sehr vertraut und ich wusste direkt, wie alles fertig zu machen sei, wo ich hin musste und wie es weiter geht.

Einige wenige Athleten hatten nicht wie ich am Vortag ihr Rad abgegeben sondern brachten es am Morgen mit. Ich war froh, dass ich nur alles prüfen musste und direkt meine Sachen auspacken konnte. Wie bei einem der zahlreichen kleineren Triathlons, an denen ich bereits teilgenommen habe, platzierte ich meine Wechselsachen für den Rad- und Laufabschnitt dicht an meinem Fuji. Ordnung muss sein. So wie die gefühlt zehn prüfenden Durchgänge, ob auch wirklich alles am und neben dem Rad richtig platziert ist. Alle Athleten wurden immer wieder freundlich darauf hingewiesen, dass es nicht gestattet ist, Maskottchen, Wimpel, Luftballons oder Plakate an seiner kleinen Wechselzone zu platzieren. Natürlich. Mein blauer Bär blieb im Rucksack und wartete wie immer auf mich.

Wechselzone Escape from Alcatraz Triathlon

Als die flackernden Lichter langsam mit dem Morgengrauen verschwammen, wurde es für mich Zeit in einen der zahlreichen Reisebusse zu steigen, um zum Hornblower Dampfschiff zu gelangen. Die Wechselzone schloss um kurz nach 6. Dann war man aber viel zu spät dran. Denn der letzte Bus zum Schiff fuhr bereits um 5:50 Uhr los. Als der Himmel begann alles in Gold zu tauchen, machte ich mich mit einem der ersten Busse zu Pier 3 auf.

Golden Gate Bridge beim Escape from Alcatraz Triathlon

Olli blieb in der Wechselzone, um später direkt von dort aus mit einer Yacht für Fotografen ebenfalls in See zu stechen. Knapp 20 Minuten fuhren wir Athleten derweil bis Pier 3. Es herrschte eine gespannte Stille, die irgendwie niemand auflösen wollte. Ich schaute aus dem Fenster, träumte und bekam eine Gänsehaut nach der anderen zu bekommen.

Die Sonne über der Oakland Bridge mehr und mehr aufgehen zu sehen, war schon allein das frühe Aufstehen wert!

Nachdem wir den bekannten Pier 39 hinter uns ließen fuhren wir weiter bis zum Ferry Building Marketplace. Einige Minuten vor der Ankunft sah ich bereits den Hornblower. Wunderbar beleuchtet. Ihr könnt es euch nicht vorstellen. Alles schrie förmlich nach Aufregung. Immer mehr davon. Als ich vor dem Schiff stand, tönten direkt Durchsagen. Letzte Informationen, wo man was auf dem Platz davor findet. Wann man auf dem Schiff zu sein hat. Details zur Fahrt, zum herrlichen Wetter, zum Morgen,… Einige wenige Athleten liefen bereits die Rampe auf das Schiff hinauf. Ich kramte derweil in meinen Sachen, weil ich meinen letzten Riegel suchte und trank zwischendrin etwas von der Wasserstation. Anschließend stellte ich mich an eins der zahlreichen blauen Häuschen. Ich hatte noch eine gute halbe Stunde Zeit, was mir die Möglichkeit gab, am Pier etwas herumzulaufen. Die Beine zu lockern und verwundert Richtung Alcatraz zu blicken.

Wieso war die Distanz nur plötzlich so riesig?!

Auf einem Mal der Gedanke, dass ich tatsächlich in gar nicht all zu weit entfernter Zeit von diesem Dampfschiff in das eisige Wasser hüpfen werde.

Werde ich doch, oder?!

Die Wechselzone leerte sich derweil mehr und mehr und die Sonne stieg unaufhaltsam höher. Während ich durch die Stadt gefahren wurde, traf sich Olli mit Journalisten, verweile noch einige Zeit in der Wechselzone und machte sich ebenfalls bereits für die Schifffahrt.

Eigentlich bestand kein Zweifel. Ich schaute mir von Land genau die Höhe an, von wo es abwärts ging. Ich blieb dabei. Es ist etwas höher, als ein Meter. Vielleicht knapp zwei Meter, wenn das Schiff auf und ab schaukelt. Also sollte dem Schwimmen beim Escape from Alcatraz Triathlon nichts im Weg stehen. Deshalb gab es nicht mehr viel für mich zu erledigen. Schuhe aus. Neoprenschuhe an. Hals schön eincremen, damit nichts scheuert. Schwimmbrille, Ohrstöpsel, Badekappe, Neoprenhaube aus Wechselbeutel nehmen. Restliche private Sachen reinlegen und abgeben. Die Helfer waren wie an den Tagen zuvor bei der Escape Academy und beim Abholen der Startunterlagen einfach unfassbar lieb, motivierend, aufmuntern,…

Escape from Alcatraz Triathlon Hornblower

 

Schifffahrt ohne Rückfahrschein

Nachdem mein Körper nun fast vollständig in Neopren gehüllt war, tapste ich auf den Hornblower. Je nach Altersklasse verteilten sich die Athleten auf dem unteren Level, dem ersten und zweiten Stock. Männer und Frauen wieder ganz gemischt und gemeinsam unterwegs. Ich blieb auf dem unteren Level, auf dem auch langsam die Profis eintrafen. Es herrschte wie im Bus eine ungeduldige Ruhe auf meiner Etage. Ich suchte mir einen Platz auf dem Boden und landete neben einem Athleten aus Pittsburgh, der ursprünglich aus Mexiko stammte. Wir unterhielten uns über sein Ironman Texas Erlebnis und über dem IM Boulder, den er mir ganz dringend ans Herz legen musste! Puh. Es gibt so viel zu tun…

Ganz schnell war die Zeit um und die allerletzten Athleten wurden aufgerufen, endlich an Bord zu kommen. Niemand wurde vergessen. Aber schon die Tage zuvor wurde ganz beharrlich deutlich gemacht, dass der Hornblower auf niemanden wartet! Eric Gilsenan, Mitorganisator, war ebenfalls mittlerweile an Board. Pünktlich um 6:30 schlossen sich die Türen. Wenig später legten wir mit dröhnendem Motor ab und machten uns auf Richtung Alcatraz. Es gab keine Rückfahrkarte. Eric hatte am Vortag erzählt, dass es in all den 35 Jahren nur einen Athleten gab, der nicht von Board sprang. Der wurde vermutlich schon zurück gebracht…

Wir schaukelten raus durch die Wellen immer der Insel Alcatraz entgegen. Ich holte mir ein Eiswasser. An Board war es wärmer als erwartet. Ich zog mir noch einmal den Neo runter und kühlte mich von innen. Eine kleine Gruppe unterhielt sich über die Sehenswürdigkeiten, die wir beim Schwimmen im Auge haben sollten. Einer von ihnen hatte am Freitag das Testschwimmen mitgemacht. Schade, dass es bereits ausgebucht war, als ich die Möglichkeit entdeckte. Das wäre sicher toll gewesen. In jedem Fall erklärte er uns noch einmal, wo wir Orientierungspunkte vom Wasser aus finden würden. Eigentlich gibt es sieben Punkte, die wir nutzen könnten. Ich kannte sie alle auswendig, aber war irgendwie nicht davon überzeugt, dass ich sie in meiner geistigen Umnachtung der erwarteten Anstrengung und Erschöpfung wirklich wahrnehmen würde. Der Athlet war ganz tiefenentspannt. Wir sollten einfach die beiden Zwillingstürme im Auge behalten. Die sind ausreichend hoch, dass ich sie garantiert nicht übersehen würde. Perfekt. Wenn wir denen entgegen schwimmen, würden wir erstens der hässlichen Strömung entgehen. Die will uns nämlich in den Ozean hinausziehen. Wollen wir nicht. Natürlich nicht. Außerdem werden wir früher oder später auf magische Weise so zur Strömung in der Nähe des Ufers gelangen, die uns ratz fatz zum St. Francis Yachtclub katapultieren würde. Wie genau das funktioniert, konnte er auch nicht erklären. Aber es funktioniert auf verrückte Weise ganz genau so. Nun, er hatte das probiert. Er würde schon wissen, wovon er spricht. Was mich aber wirklich beruhigte war, dass ich nun einen Fokuspunkt hatte.

Außerdem würden die 100 Kanus, SUPs und anderen Boote dafür sorgen, dass wir zur Not eingesammelt und umgesetzt werden.

Immer und immer wieder. Total verrückt. Stellt euch mal vor. Das würden sie mehrmals machen. Der Organisator gab uns tatsächlich das Gefühl, dass wir bei den Wellen, der Strömung und den schwierigen Lichtbedingungen am Morgen ein absolut sicheres Gefühl hatten! Ich war darauf eingestellt, dass ich eingesammelt werde, falls ich die Kraft nicht mehr hätte, gegen die Strömung zu kämpfen. Zudem dachte ich wirklich, dass ich für die rund 2,4 Kilometer länger als eine Stunde brauchen würde. 60 Minuten war die Cut-off Zeit. Dann würde es zu kalt für die Athleten werden. Boote holen in diesem Fall alle noch im Wasser befindlichen Schwimmer heraus. Anschließend setzen sie diese in der Nähe des Strandes ab. Von dort aus konnte man das Rennen ganz normal weiter bestreiten.

Niemand fliegt aus dem Rennen!

Es bestand also überhaupt kein Grund zur Panik. Höchstens vor dem Eiswasser. Also doch: Panik. Panik. Kurze Zeit Panik. Eigentlich hatte ich so unglaublich gar keine Lust auf so kaltes Wasser. Die Veranstalter hatten immer wieder darauf hingewiesen, dass wir uns physisch und psychisch gut auf das vermutlich kälteste Schwimmen in unserem Triathlonleben vorbereiten sollten.

Ich hatte genug Geld ausgegeben, um einigermaßen warm durchs Rennen zu kommen. Es wurde Zeit die Ohrstöpsel zu nutzen. Die seltsame Haube aufzusetzen. Darüber die Schwimmbrille zu richten. Zuletzt die Badekappe des Veranstalters drüber zu zerren! Immer tönten Ansagen durch die Lautsprecher. Letzte Instruktionen. Gegenseitig Mut zusprechen. Motivation sammeln. Dann wurde es still. Die Motoren stoppten. Die San Francisco Belle begann zu schaukeln. Plötzlich Musik. Die Nationalhymne. Das muss nun noch sein. Dazu der Blick aus den geöffneten Türen raus auf die Bay. Gänsehaut.

Wir drehten noch eine Ehrenrunde vor Alcatraz, während ich die Skyline anschaute, die winzig war. Das war einmal kurz ein Grund für Panik. Auf der anderen Seite türmte sich Alcatraz vor uns auf. Der Leuchtturm stand in herrlichem Sonnenschein und Möwen kreisten über dem alten Wasserspeicher.

Ich hatte einen Kloß im Hals.

Ich war trotz der Aufregung so unglaublich dankbar, dass ich das gleich mitmachen kann, dass ich den Moment am liebsten festgehalten hätte!

 

Das Schwimmen beim Escape from Alcatraz Triathlon

Der Sprung zur Flucht

Um 7:30 Uhr dröhnte das Horn laut durch die Etagen. Startschuss für die Profis an dem hinteren Ausstieg.

Schwimmen beim Escape from Alcatraz Triathlon

Sie sprangen hinein und schwammen einfach Richtung Yachthafen. Wollten wir das auch so machen? Der Athlet, der uns kurze Zeit vorher alles so wunderbar erklärt hatte, versicherte uns, dass wir das so auf gar keinen Fall genau so machen. Wir halten uns an die Sehenswürdigkeiten. Na zum Glück. Hätte ja sein können, dass ich irgendetwas missverstand.

Anschließend ging alles rasend schnell. Ich schnappte mir noch einmal zwei Becher Eiswasser und kippte alles von oben in meinen Anzug.

Besser als jeder Espresso!

Ein letzter Becher ging nach hinten in den Anzug den Rücken entlang. Das war ulkig. Überall standen Behälter mit Wasser und Eis! Jeder Menge Eis.

Die meisten Athleten zögerten sich zum Ausgang zu bewegen und so entstand eine freie Bahn direkt zum Ausgang. Vier Gruppen waren vor mir an dem vorderen Ausstieg. Ich schaute von der Seite hinab, um mich ein letztes Mal zu versichern, dass es tatsächlich keine 10 Meter waren und reihte mich ein. Gruppe eins und zwei waren schon im Wasser. Jeder der Athleten war rasch weg vom Schiff und ruderte wie wild mit den Armen.

Das konnte ja was werden! Aber je schneller ich im Wasser war, desto mehr Zeit hatte ich. Innerhalb von rund sechs Minuten sollten fast 2000 Athleten im Wasser sein. Absolut verrückt, wie das so funktioniert. Also ging es ran an die Kante des Hornblower Dampfschiffs. Ich wartete bis die Athleten vor mir mit der Strömung aus dem Sprungbereich verschwanden. Ich krallte meine Zehen an die Kante und startete meinen Forerunner. Der Weg zur Stadt sah so unendlich weit aus.

Was tat ich da bloß?!

Dann schon die Ansage: spring! Und ich sprang. Brille mit rechter Hand festgehalten. Atem angehalten. Linken Arm ausgestreckt und Sprung. Sprung. Sprung. Mein Arm bremste mich im Wasser. Blitzschnell tauchte ich auf. Sah mich um. Paddelte los. Bekam keine Luft. Hielt an. Schluckte unendlich viel Wasser. Überall Wellen.

 

Der Kampf zum Land

Vor Aufregung spürte ich die Kälte des Wassers da mitten in der San Francisco Bay weit entfernt von jeglichen Ufern nur durch meine hastige Atmung. Ich schaute voraus, was vor mir passierte. Ich wusste so schnell gar nicht, wie ich mich, die Wellen, die Atmung, das Salzwasser unter Kontrolle bekommen sollte. Gefühlt eine Ewigkeit versuchte ich zu schwimmen. Schwamm aber nicht. Es war absolut schräg. Da gab es null Rhythmus. Es war bedeutend schlimmer als ich es mir vorgestellt hatte. Ich wollte wirklich ruhig bleiben. Einfach nur irgendwie mit den Wellen eins werden. Keine Ahnung, wie ich das damals auf Rügen hinbekommen habe. Hier stimmte nichts. Absolut nichts. Immer wieder schluckte ich Wasser. Die Luft wurde immer dünner. Der Anzug immer enger.

Die ersten Meter ruderte ich mit meinen Armen und schaute einfach nur vorwärts. Irgendwann sah ich dann so etwas wie einen Rhythmus der Wellen. Vermutlich waren die vielen Boote und das Hornblower Dampfschiff für das Wellenchaos zu Beginn verantwortlich. Das lichtete sich plötzlich etwas. Ich schwamm geradezu Richtung Zwillingstürme. Die Wellen schlugen von rechts über mich rüber. Ich atmete nur noch nach links der Sonne entgegen.

Fantastisch. Da war es. Das Schwimmgefühl.

Es ging auf und ab. Drehte ich mich zu stark zum Luft holen, musste ich aufpassen, mich nicht mit der nächsten Welle zu drehen. Ich merkte, wie das Wasser eisig mein Gesicht umspülte. Meine Hände waren binnen Minuten gräulich. Immer wieder ballte ich sie zu einer Faust. Kopf und Füße erging es mit dem extra Schutz deutlich besser. Meine Beine drifteten wieder und wieder nach rechts. Es kostete Kraft, irgendwie geradeaus zu den Türmen zu schwimmen. Das kannte ich schon von der leichten Strömung meines Trainings im Aquatic Park einige Tage zuvor. Draußen im offenen Gewässer war es aber noch viel mehr zu spüren.

Nach einigen Minuten zwischen all den Athleten hielt ich kurz inne. Ich musste mich versichern, dass ich auf dem richtigen Kurs war und dass da tatsächlich all die Boote waren. Die Schneise zwischen ihnen für uns Schwimmer schien inmitten der Wellen riesig. Ausreichend Platz, um sich nicht in die Quere zu kommen. Jedoch nicht so groß, dass es einsam wurde. Aber ja. Sie waren da. Diese 100 Boote die uns flankierten. Unglaublich!

Noch viel faszinierender war es, diesen Moment dort zu sein. Vor mir die Skyline. Links die Oakland Bay Bridge. Hinter mir das nun kleine Alcatraz und rechts? Rechts! Die von der aufgehenden Sonne angeleuchtete Golden Gate Bridge. Konnte das wirklich wahr sein?

Ich schwamm mitten in der San Francisco Bay und starrte morgens um kurz vor acht auf die Golden Gate Bridge.

Die Sicht war fantastisch. Niemand von uns hätte sich einen anderen Morgen gewünscht. Da bin ich mir absolut sicher. Was für Glückspilze waren wir doch! Es war perfekt. Einfach wirklich perfekt!

Es musste dennoch weiter gehen. Den Aquatic Park als ersten sowie die zweiten, dritten und vierten Orientierungspunkte mit den Zwillingstürmen, das weiße Pumphaus und die drei Pier bei Fort Mason hatte ich hinter mir gelassen. Damit kamen wir dem Land sehr nahe. Aber da konnte ich ja schwerlich rauskrabbeln. Nun sollte es immer entlang der Küste gehen. Wie lange das noch dauern würde? Weiß der Himmel.

Ich wühlte mich durch die Wellen. Es wurde noch anstrengender. Wir schwammen nun Richtung Golden Gate Bridge und damit gegen die Wellen. Das Atmen fiel damit noch schwerer. Von der angekündigten Strömung war nichts zu spüren. Da katapultierte mich absolut nichts Richtung Ziel! In der Ferne sah ich den Wellenbrecher des Hafens vor dem Dom des Kunstmuseums. Punkt fünf und Punkt sechs der zu passierenden Sehenswürdigkeiten. Was mir in dem Moment aber wirklich unklar war. Ein Ziel war weit und breit nicht in Sicht! Das versteckte sich irgendwo hinter dem Yachthafen. Wie weit das noch war, war mir schleierhaft. Irgendwann sollte der siebte und letzte Orientierungspunkt mit den roten Dächern des St. Francis Yachtclubs sichtbar werden. Meine Augen wollten den aber nicht finden. Ich orientierte mich einfach an den anderen Schwimmern. Strampelte, was das Zeug hielt. Zog wie verrückt mit den Armen durch das Wasser. Meine Hände hatte ich längst abgeschrieben. Auspowern wollte ich mich dennoch nicht. Ich plante wie erwähnt mit einer Stunde. Vielleicht war etwa die Hälfte der Zeit vergangen.

Als ich gerade ein wenig mürrisch zu werden drohte, blickte ich nach vorn. Was war denn das?! Ein roter Torbogen. Da stand wenige Meter vor mir an einem Strand ein roter Zielbogen. Das konnte noch nicht für uns sein, oder?! War das tatsächlich unser Zielbogen?! Der Wasserausstieg, der ewig nicht zu sehen war, war da nun einfach? Ich war gleichzeitig komplett verwirrt wie überrascht und überglücklich. Habe ich so sehr die Zeit vergessen? Ich gab noch einmal richtig Gas, denn schließlich hatte ich all meine Kraft aufgespart für den Moment, wenn es zäh werden würde. Sprich genau jetzt, aber nur mit dem Plan, noch einiges an Strecke absolvieren zu müssen.

Durch die starke Wellenbewegung unterwegs waren die ersten Schritte im Wasser wackliger als sonst. Ich schaute auf die Uhr und traute meinen Augen kaum!

JEDER einzelne Gott, der nur annähernd etwas mit Wasser zu tun haben kann, muss an diesem Morgen an meiner Seite gewesen sein!

Anders war die Zeit von unter 35 Minuten wohl kaum zu erklären. Wie der Athlet an Bord der San Francisco Belle sagte. Es funktioniert irgendwie auf ganz schräge, magische Weise!

 

Der erste Wechsel

 Ich nahm meine Kappe, Haube, Schwimmbrille, Ohrstöpsel, den Forerunner ab. Zog langsam aber sicher den Neoprenanzug auf und sah endlich Olli zwischen all den Fotografen. Ich grinste in die Kamera vor lauter Freude. Wir rannten gemeinsam den Rest des Strandes hinauf und ich huschte in die kleine Zwischenwechselzone. Dort rannten schon zwei Helfer auf mich zu, um mich zu meinem Beutel zu bringen. Ganz große Klasse! Ich warf alles hinein, was weg konnte. Griff mein Handtuch. Spülte mein Gesicht mit Wasser ab. Schnappte meine Schuhe. Nach und nach goss ich etwas Wasser über jeden Fuß und schlüpfte in die Schuhe. Ich eilte durch all die Handgriffe, die ich mir gedanklich vorgenommen hatte. Zudem hatte ich ausreichend Kraft aufgespart, war konzentriert und so etwas von motiviert für mehr. Dazu extrem begeistert von allem, was ich erlebte und natürlich super erfreut über die seltsame Leistung. Also raste ich los.