BerlinMan 2012 – Meine erste Mitteldistanz II

112,2 Kilometer lagen also vor mir – Nervosität machte sich natürlich breit, denn wie im ersten Beitrag beschrieben, wusste ich nicht so recht, was auf mich zukam. MyGoal Trainerin Anke versuchte in unserem letzten Gespräch zu beschwichtigen, dass das gesunde Ankommen das größte Ziel sein sollte. Richtig, das sollte es! Ich wollte aber vorher unbedingt die sechs Stunden knacken. Warum? Keine Ahnung, ich dachte, es wäre einfach realistisch. Die Strecke des BerlinMan kannte ich – sie war anspruchsvoller als alles, was ich sonst unter die Räder und Füße bekam. Es war ein öffentliches Gewässer, das anders als ein Schwimmbecken funktionierte. Nur nicht zu viel verlangen, aber auch nicht zu wenig erwarten. Also sechs Stunden – ich klammerte mich einfach daran.

Lehrbuchmäßig bereitete ich mich auf das Schwimmen vor, beschwor meinen Anzug. Er würde mich dieses Mal nicht einengen, er würde mich voran treiben. Ich flutete ihn, schwamm mich ein, sortierte mich im Wasser ein letztes Mal, reihte mich links ein, Startschuss! Ich schwamm so gerade wie nie, immer die anderen Schwimmer rechts im Blick. Armzug um Armzug, kraftvoll, jeden Yogaliegestütz in den Schultern spürend. Erste Boje, kein Gerangel, ich blieb ruhig; dann die lange Gerade bis zu nächsten Boje. Ich verlor das Gespür für die Zeit und versuchte die Uhr am Strand zu erkennen. Ich war verunsichert, niemand mit schwarzen Badekappen der ersten Gruppe war vor und hinter mir. Ich schwamm ganz allein, fast wie im Training. Plötzlich tippte mich etwas, nein jemand an. Da kamen sie schon von der zweiten Welle. War ich so langsam? War deshalb niemand anderes um mich herum?

Als ich endlich wieder Sand unter den Füßen spürte, waren gerade einmal knapp 40 Minuten vergangen. Um so mehr wunderte mich, dass keine schwarzen Badekappen um mich herum zu sehen waren. Scheinbar alles Fische im Wasser, die nun schon auf dem Rad saßen. Dennoch sagte ich mir, dass ich alle Zeit der Welt hätte, lief langsam die Treppen hoch und dachte nur an die unzähligen Bläschen an den Füßen. Wer kam auch auf die Idee, in der Woche vor dem WK unbedingt barfuß laufen zu müssen!? Meine Pflaster hatte ich beim Schwimmen verloren. Gut, dass sie wasserfest waren! Ich verschwende einige Minuten mit der Sucherei nach neuen, gab es schließlich auf und machte mich radfit.

Mit meiner Jacke sah ich vermutlich eher aus, als würde ich als einzige in den Ski-Urlaub wollen, statt auf die Radstrecke. Was soll’s! Ich wollte schließlich nicht als Eisblock vom Rad fallen. Die Hände und Arme waren kalt genug; ich war froh, dass ich die Bremsen greifen konnte.

Während einige Medien von einer Radstrecke mit einem leichten Profil sprachen, türmten sich für mich von Runde zu Runde immer höhere Steigungen auf. Die vier Runden waren aber nicht nur durch die Anhöhen anspruchsvoll. Auch Abfahrten bei denen man voll da sein musste und das Kopfsteinpflaster waren nicht zu unterschätzen. Die Rennmaschinen, mit denen allein der Wettkampf zu einer wahren Materialschlacht wurde, wackelten über die einzelnen Steine, klapperten und die Triathleten stuckerten schimpfend vor sich hin.

Wie schon in der Vorbereitung und bei den anderen beiden Disziplinen brauchte ich auch beim Radfahren mehr als eine Runde, um zu mir zu finden. Es irritierte mich unglaublich, dass ich niemanden überholen konnte, ich war diejenige, an der man vorbeisauste. Mein Kämpferherz erhielt Kilometer für Kilometer einen Dämpfer und ich war doch so unendlich müde. Einer nach dem anderen zog vorrüber und auch Frauen, die ich beim Schwimmen hinter mir ließ, hatten scheinbar die besseren Beine.

Auch wenn ich trotz verpatztem Wechsel, zwei kleinen Pausen und mit all den Hügeln fast einen 30er Schnitt fuhr, fand ich innerlich keine Ruhe. Ich hätte wie schon beim Schwimmen auch beim Radfahren nicht mehr geben können. Ich war auch im Training noch nie besser gefahren, aber ich wusste, wenn ich ausgeschlafen gewesen wäre, wenn mein Körper nicht so ein Waschlappen gewesen wäre… Hätte, wenn und aber…

Die Verpflegung klappte zumindest wunderbar – ich habe mir während der letzten Trainingswochen einen genauen Rhythmus überlegt, wann ich meinen selbstgemischten Energietee und die Kohlenhydrat Viper Active Gele wegschlabbere. Zusätzlich griff ich Runde für Runde in voller Geschwindigkeit nach Bananen. Als hätte ich nie etwas anderes gemacht! Ja, man muss sich auch an den kleinen Dingen freuen können.

Bis zu dritten Runde wusste ich mir kaum zu helfen, bis ich plötzlich nur noch ans Laufen denken konnte. Mantramäßig redete ich auf mein Rad ein, auch in der letzten Runde durchzuhalten und als ich durch die Wechselzone eilte, war die Siegerin schon fast im Ziel. Ich kramte wieder in meiner Tasche und die leuchtende Idee für meine Blase an der Ferse war mein extra strapazierfähiges Isolierband. Ich wurschtelte mit Schere und Band hin und her und schließlich hatte ich auch endlich die Laufschuhe an.

Wenig motiviert machte ich mich dann ebenfalls auf den Rundkurs des Laufparcours und zum Glück traf ich endlich wieder jemanden, den ich kannte. Meine Stimmung wurde etwas besser, jeder Schritt schien so unglaublich einfach und leicht im Vergleich zum Radfahren und Schwimmen. Die erste Runde verflog und hoppla, das erste Bändchen war schon meins. Ich durfte Bändchen sammeln! Das hört sich jetzt banal an, aber als Neuling ist es doch genau das, was uns vor dem Fernseher immer so faszinierte. Genau wie die Großen. Vier Runden, vier Bändchen.

Laufen, das war genau meins, auch wenn die Frauen vor mir zu fliegen schienen. Hier holt mich niemand ein! Kleine Schritte. Ich sammle einen nach dem anderen auf; versuche den 5er Schnitt zu halten, was auch bis zum Schluss fast klappt, auch wenn es mit den zahlreichen Kurven und engen Wegen sehr anstrengend war.

Ich überhole eine humpelnde Läuferin. Sie hält ihre Schuhe in die Luft, läuft barfuß. Sie hatte es so weit geschafft!

Ich laufe mit einem Mädchen um die Wette; wenn sie groß ist, möchte sie das auch machen.

Ich laufe an anderen vorbei, rausche die Hügel hinunter quer durch den Wald, greife nach dem vierten Bändchen und ehe ich mich versehe beuge ich mich hinunter zu einem kleinen Jungen, der mir strahlend meine BerlinMan Medaille umhängt. Ich strahle zurück und kann es nicht glauben. Ich war im Ziel, es war vorbei und der Sprecher sagte irgendetwas von 5 Stunden und 27 Minuten!

Im Nachhinein bin ich unglaublich zufrieden und freue mich immer noch so sehr! Es war vermutlich das Anstrengendste, was ich je gemacht habe und ich kann mit Sicherheit behaupten, dass ich nicht eine Sekunde schneller hätte sein können. Also wurden es offiziell 41:02 Minuten beim Schwimmen, 3:04:44 beim Radfahren (mit Wechselzeit) und 1:41:21 beim Laufen.

Auf der offiziellen BerlinMan Facebook-Seite gibt es zudem Eindrücke des Veranstalters und vieler Teilnehmer.

Facebook Eiswuerfelimschuh

Als Triathletin & Autorin von Eiswuerfel Im Schuh bin ich zusammen mit meinem Sportfotografen immer auf der Suche nach der nächsten Herausforderung und neuen Bildmotiven. Als Julimädchen liebe ich die Sonne, das Meer und den Sand zwischen den Zehen, genieße aber auch die Ruhe auf meiner Yogamatte oder auf einem Surfbrett. Ich freue mich, mit dir auf FacebookTwitterPinterestInstagram und Google+ in Kontakt zu bleiben.

41 Gedanken zu “BerlinMan 2012 – Meine erste Mitteldistanz II

  1. Congrats zu dieser Leistung.

    Ich bin echt beeindruckt. Ich hoffe nur das es im Oktober bei meinem ersten Halbmarathon auch so eine positive Überraschung geben wird.

    Jetzt wünsch ich erstmal eine gute Regenerationszeit.

  2. Wahnsinn- das mit der Tasse Tee holen wir auf jeden Fall noch nach- werde wahrscheinlich beim Velothon nächstes Jahr auch an den Start gehen 🙂
    Diese Distanz die Du da mit einer Hammerzeit hingelegt hast ist bei mir noch weit in der Ferne. Zu sehr schlaucht mich das Laufen nach dem Radfahren.
    Glückwunsch!

    • Lieben Dank, Anja. Habe dich dort auch kurz gesehen.
      So richtig weiß ich noch nicht, wie und wann was. Mal sehen, würde gern wieder etwas in Berlin machen. Moritzburg schreckt mich der Schlossteich etwas ab.

  3. Mensch, hast du gekämpft. Und dass du zum Schluss noch mal so super gelaufen bist erstaunt mich nicht: da bist du wirklich am ehesten in deinem Element! Großes Lob übrigens (mal wieder) an deine bessere, fotografierende Hälfte: Erstklassige Sportfotos, tolle Momente eingefangen!

  4. Ich fasse es einfach nicht, 12 Sekunden vor mir im Ziel. 2:1 für Dich. OEM klarer Vorsprung für Dich, Berlin Triathlon ich vorne, hier Du!! Tolle Leistung!! War auch meine erste Mitteldistanz, bin auch mit der Hoffnung unter 6h anzukommen reingegangen und muß sagen, daß ich es beim Laufen in der letzten Runde im Hochgefühl, unter 5:30 anzukommen den Endspurt habe ausfallen lassen. Aber dafür hatte ich auch keine Probleme in der Wechselzone. Eilig hatte ich es allerdings auch nicht, war ja schließlich Wochenende:) und zweitens bin ich schließlich zum Vergnügen hier. Im Ernst, ich wollte jede Minute genießen und habe es auch. Hast Du noch Pläne für dieses Jahr? Berlin Marathon? Denkst Du an die Langdistanz und wenn ja, wann?

    • Hallo Christian, ach was!? Ist ja ein Ding! Dann auch dir Glückwunsch!
      Dieses Jahr sind nur noch kleinere Läufe geplant und Marathon war mir zu schnell nach dem Triathlon. Also werde ich da vermutlich nur als Helferlein an den Start gehen.
      Eine Langdistanz wage ich erst einmal noch nicht. Ich möchte im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder eine MD machen. Und bei dir? Wie sieht es da aus?

  5. Hab’s jetzt erst geschafft die beiden tollen Bericht-Teil komplett zu lesen und _alle_ Fotos anzusehen. Hört sich wirklich nach einem klasse Erlebnis an und Respekt für die Leistung. Viele persönliche Details machen den Text spannend. Und vielen Dank an deinen „Hofphotografen“ 🙂 für die vielen super Bilder.

  6. Hallo Nadin,

    erst einmal ganz herzlichen Glückwunsch zu dieser Super-Leistung!

    Aber Du mußt uns doch auch mal die Wertigkeit Deiner Leistung definieren! Also ich meine Deine Platzierung. Habe mir gerade mal selbige angeschaut – super! Vor allem die läuferische Leistung! Damit kannst Du wirklich zufrieden sein! Vorerst zumindest. 😉 Denn wie ich Dich einschätze, wirst Du wohl weiter hart an Dir arbeiten und schon jetzt genau wissen, was beim nächsten Mal noch besser werden muß.

    Tolle Bilder übrigens auch! Sehr eindrucksvoll! Und auf Bild 82 und 83 sieht man Dich sogar als Polizistin …. ;-D (Sorry – kleiner Scherz!)

    Grüße aus Köln!
    Mario

    • Hallo Mario! Lieben Dank für dein Kommentar. Ja, also die Definition der Leistung – selbst nach über einer Woche kann ich es kaum glauben und klar, nächstes Mal muss es besser und vor allem ausgeschlafener zur Sache gehen.

      Nö, und das mit den Bildern nehme ich dann mal so hin.
      Viele Grüße zurück!

  7. Hallo Din,
    ich mache auf alle Fälle den Berlin Triathlon wieder mit. Der macht mir von Jahr zu Jahr immer mehr Spaß. Marathon vielleicht mal Prag, mit etwas Glück gibts ja den BerlinMan ab nächstem Jahr jährlich!
    Da wäre ich dann auf alle Fälle auch dabei. Langdistanz in 2 Jahren. Mit so einem ausgeliehenen Superrenner für 6000€ von Radkreuz am besten! Ich muß sagen, daß mich diese Vorstellung total motiviert!!!
    Trainier Du schön weiter, damit Du weiter so an den Leuten vorbeifliegen kannst wie beim BerlinMan!!
    Viele Grüße
    Christian

    • Hallo Christian,

      lieben Dank! Das hört sich ja nach einem sehr guten Plan und die Leihgeschichte – klar, dass die motiviert. Ich vertraue aber lieber auf meinen Drahtesel, ich muss mich zu lang an neue Sachen gewöhnen.
      Bin auch gespannt, wie es mit dem BerlinMan weitergeht. In Sachen Triathlon passiert ja hier in der Stadt sehr viel und das Angebot ist mittlerweile ja sehr gut aufgestellt.

  8. Mensch Nadin da hast du ja wirklich ein starkes Debüt auf der Mitteldistanz abgeliefert. Klasse! Selbst den Halbmarathon nochmals deutlich unter einem 5er Schnitt gelaufen. Nächstes Jahr dann den Ironman! 🙂

    • Vielen lieben Dank, Frank. Ja, ein tolles Ergebnis, aber von noch längeren Strecken schrecke ich noch irgendwie etwas zurück. Im kommenden Jahr wird es dann auf jeden Fall wieder eine MD geben und ich freue mich schon auf das Wintertraining. Da werde ich dann ordentlich an den Grundlagen arbeiten.

  9. Din, ich gratuliere Dir ganz herzlich zu dieser tollen Leistung! Und am Besten gefällt mir dabei, dass Du offenbar Spaß dran hattest. Und Dein Haus-und Hoffotograf offenbar auch! Toll!
    Ich mache meine erste MD nächstes Jahr in Köln. Du hast mich motiviert… 😉 Danke!

    • Liebe Claudia,

      danke schön von uns beiden! Ja, es hat natürlich Spaß gemacht, auch wenn es hart war – für uns beide. Ich bin gespannt, wie es bei dir läuft. Dann hast du ja noch in etwa ein Jahr, viel Erfolg bei der Vorbereitung. Aber wenn ich deine Seite nicht gekannt hätte, hätte es sicher bei mir beim Schwimmen super schlecht ausgesehen. Habe meine Motivation immer von deinen Erlebnissen erhalten. Vor allem für das Freiwasserschwimmen.

  10. Großartige Leistung! Und schön auch, wie du das Leiden beschrieben hast. Ich könnte mich noch nicht zu einem 6h-Wettkampf motivieren. Und auch tolle Bilder, aber ich habe dich nicht auf allen erkennen können ;). Mit deinem Ehrgeiz wirst du dich bei der nächsten Mitteldistanz bereits der 5 Stunden-Marke nähern. Go on!

  11. Respekt, eine Wahnsinnsleistung. Triathlon fasziniert mich, aber derzeit schockt mich das Training und diese Umfänge noch zu krass… und deine Zeit ist ja wirklich ultragut – also eine 1:41 würde ich beim Laufen NACH SCHWIMMEN UND RADFAHREN im Leben nicht erreichen… zwei Daumen nach oben. Ganz weit nach oben. Und der Begriff lässt einen wirklich mitleiden, mitfühlen, mitschwitzen.

    Tolle Bilder. Wahnsinn ist auch immer die Materialschlacht die einige (selbst Hobbystarter) dort abbrennen…

    • Danke schön! Also als Läufer empfehle ich jedem super gern eine Sprintdistanz. Die schafft man aus dem Stand, man hat unglaublich Spaß und braucht auch nicht viel Zubehör. Da reicht Badehose und Mountainbike.
      Vielleicht überlegst du es dir mal. Gibt sicher auch in deiner Nähe einen kleinen Volkstriathlon.

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