Die Schwimmstrecke beginnt in Palm Cove, wo der Pazifik aufgewühlt und wenig einladend vor uns lag. Die Radstrecke führt auf dem Captain Cook Highway nach Norden Richtung Port Douglas über einer der schönsten Küstenstraßen Australiens. Dort klettert der Regenwald auf der einen Seite die Berge hinauf. Auf der anderen reicht der Ozean endlos weit. Die Laufstrecke schließlich schlängelt sich in vier Runden entlang der Cairns Esplanade, gesäumt von einer Zuschauerdichte und Lautstärke, die einem auch dann noch Gänsehaut macht, wenn die Beine längst aufgehört haben zu fühlen.
Um 7:50 Uhr gingen wir 1.300 Langdistanz-Athleten auf die 226 Kilometer lange Strecke des Ironman Cairns, im mit Palmen umsäumten Palm Cove. Uns Athletinnen musste man dabei fast suchen. Wir waren gerade einmal 200, die am Ende das Ziel erreichten. Wenig mehr sind am Morgen bei herausfordernden Schwimmbedingungen gestartet.
DER SCHWIMMSTART: PAZIFIK & WELLENGANG
Es war ein herrlicher Morgen, an dem wir idyllisch von Palmen umgeben in den Sonnenaufgang schwimmen sollten.
Stattdessen verhielt sich der Ozean, als würde er uns Langdistanz-Athleten nicht auch noch nach über 2.000 70.3 Athleten ertragen wollen.
Starker Wellengang machte uns bereits den Einstieg in den Pazifik nicht einfach. Da sollte das Frühstück gut verdaut sein. Ich habe die Bedingungen geliebt, auch wenn ich mich erst einmal einige hundert Meter einfinden musste. Trotz des Spaßes fühlten sich die 3,8 km wie eine nie enden wollende Strecke an. Es hätte mich nicht gewundert, nach 90 Minuten aus dem Wasser zu kommen. Am Ende ließ ich mich von den mich immer wieder überspülenden Wellen nach 1:15 h an den Strand spülen und war wirklich überrascht, dass das kein so schlechter Start für einen Ironman war.
DIE RADSTRECKE: REGENWALD, OZEANBÖEN UND REIFENSCHÄDEN
Ein riesiger Regenbogen, der wie an die Bergkette gemalt wirkte, eröffnete für mich die Radstrecke, die zunächst nach Norden Richtung Port Douglas führte. Entlang des Regenwaldes auf der einen und des Pazifiks auf der anderen Seite. Eine der schönsten Kulissen, die ich je auf einem Fuji erlebt habe, und das sage ich nach elf Langdistanzen ohne Zögern.
Es gab nur zwei Zustände an diesem Tag: nass aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit oder nass aufgrund des Regens, der bei dem starken Seewind horizontal zu fallen schien.
Die ersten 40 Kilometer führten mit Rückenwind nach Norden, die Wärme des Tages breitete sich spürbar aus, und das Kühlen des Körpers stand von der ersten Verpflegungsstation an auf dem Plan. Der Rückweg nach Palm Cove war so intensiv, dass ich an zwei Stellen Schwierigkeiten hatte, mein Rad im Griff zu behalten. Vor allem, wenn die Böen mit intensiven Regen die Küste hinaufstiegen und uns vom Bergauffahren abhalten wollten. Nur um es mal zu verdeutlichen: Ich habe auf beiden Runden Männer im Gegenwind den Rex Lookout, einem bekannten Aussichtspunkt auf dem Captain Cook Highway, hinaufschieben sehen.
Während die erste Runde reibungslos und besser als geplant verlief, geschah auf der zweiten Runde, was wirklich nicht auf meiner Agenda stand: gleich zwei Reifenschäden. Mit der Vielzahl an Baustellen und den schlechten Straßenbedingungen, was sowohl den Asphalt als auch die Sauberkeit betrifft, hatte mich das störungsfreie Training auf diesen Straßen bereits verdutzt. Dennoch, zwei Schäden innerhalb weniger Kilometer, ganz allein im Nirgendwo da draußen, sind eine Überraschung, die man an so einem Tag erst einmal verdauen muss. Und eine, die es zu meistern galt und die mich auf keinen Fall von meinem Finish abhalten konnten.
DER MARATHON: ZUSCHAUER-MADNESS UND SCHMERZEN ERTRAGEN
Nachdem ich ordentlich Watt auf der Strecke gelassen hatte, weil ich mit wenig Reifendruck durch die Landschaft rauschte, war ich unfassbar froh, als ich im zweiten Wechselbereich in Cairns ankam.
Ich war mental aber so ausgelaugt, dass das meine allererste Langdistanz war, bei der ich mich nicht gefreut habe, endlich auf die Laufstrecke zu wechseln. Dennoch absolvierte ich einen so schnellen Wechsel wie noch nie. Nach vier Minuten war ich umgezogen, mit Sonnencreme versorgt und wurde von den Zuschauern förmlich auf die vier Runden geschrien.
Es war ein schmerzhafter Marathon mit einer Zuschauer-Madness, die ich so flächendeckend auf der gesamten Strecke bisher nur an wenigen Orten erlebt habe. Das macht vieles wirklich leichter, wenngleich man die Schmerzen selbst aushalten muss. Egal ob gerade ein Wolkenguss niederging oder die Sonne brannte und sich eine unglaubliche Schwüle an diesem australischen Winterabend mit frühem Sonnenuntergang ausbreitete. Eine willkommene Abwechslung bot dabei jede Verpflegungsstation, die ich wie ritualisiert nutzte, bis ich irgendwann weder Elektrolyte noch Cola noch Wasser sehen, riechen oder geschweige denn schmecken wollte.
DIE ROTE FINISHLINE
Nachdem ich auf jeder Runde zwei Mal am Ziel vorbeizulaufen hatte, kann ich gar nicht beschreiben, wie es sich anfühlte, als ich selbst endlich auf die dicht an dicht von Zuschauern gesäumte Finishline einbiegen konnte.
Kaum hatte ich einen Fuß auf den roten Teppich gesetzt, hörte ich durch alle Lautsprecher gleichzeitig meinen Namen von Pete Murray, und die Worte, die jedes Mal so unfassbar und unwirklich zugleich klingen:
„Nadin from Berlin, Germany, you are an Ironman!”
Die Worte von Pete Murray, der legendären „Aussie“-Stimme des Ironman, die seit über 30 Jahren Athleten auf der ganzen Welt ins Ziel begleitet. Und die sich jedes Mal anfühlen, als würde man sie zum ersten Mal hören.
Ich bin so stolz auf mich, dass ich zwischendrin nicht einfach aufgegeben habe. Dass ich nicht wahrhaben wollte, dass ein Rennen so für mich enden soll. Sondern immer daran geglaubt habe, was mir erst vor einigen Tagen ein Australier sagte: Wir sind echte Kriegerinnen, die etwas Unglaubliches schaffen und alle Bedingungen meistern, was unfassbar verrückt für ihn ist, der so etwas nie machen könnte. Solche Herausforderungen gehören dazu, wie das Wetter und das Streckenprofil. Und ich hatte in den vergangenen Jahren einfach Glück, auch auf den wildesten Straßen keinen Schaden zu nehmen.
Eine großartige Medaille wartete direkt nach dem Ziel auf mich, die mit einer Vielzahl herausfordernder und schöner Erinnerungen einen besonderen Platz bekommt!
[Photo Credits: Oliver Eule / eiswuerfelimschuh.de] | Alle hier gezeigten Fotos wurden wie immer von Oliver Euleaufgenommen. Die Rechte an diesen Fotos liegen bei ihm und mir. Eine weitere Nutzung der Fotos ist in Absprache mit uns gerne möglich. Bei Interesse schreibt uns bitte eine E-Mail, um Details der Nutzung auf Social Media, Webseiten oder Printmedien zu klären.



