BerlinWoMan-Triathlon 2026 (Teil 1) – Startnummernausgabe, Rennmorgen & Schwimmstrecke

Triathlon in Berlin ist ein wenig wie nach Hause kommen. Vor allem, wenn es alle zwei Jahre an den Start des BerlinWoMan-Triathlons geht! Am Samstag, den 5. September, ging es für über 600 Teilnehmende an den Start. Männer und Frauen traten in der Mitteldistanz an, dazu Staffeln über dieselbe Distanz sowie Männer und Frauen im Aquabike-Wettbewerb. Ein Startfeld, das zeigt, wie viele unterschiedliche Wege es gibt, an diesem Tag am Wannsee dabei zu sein, bevor einen Tag später die Sprintdistanz die Strecke übernahm.

Für mich ging es auf die Strecke der Mitteldistanz, und ich hatte von der ersten Minute an das Gefühl, dass mir die Strecke, die Menschen und die Freude an diesem Triathlon gefehlt hatten. Auch wenn die Bedingungen kein Traum aus einem Bestseller waren, stand mir der Spaß trotzdem ins Gesicht geschrieben. Wir bekamen an diesem Tag wirklich alles serviert, was ein Triathlon-Wettertag zu bieten hat: Wellen, Wind, Sonne und Regen im Wechsel, dazu die besten Helfer der Stadt, eine brillante Organisation und Kommentatoren im Ziel, die keine Sekunde das Ziel aus den Augen ließen. Und natürlich Berge. Viele Berge. Unmengen für Berliner Verhältnisse. Was mich bis heute beschäftigt: Wo kamen die Anstiege auf der Laufstrecke plötzlich her? Vorher hatte die wirklich niemand erwähnt. Positiv betrachtet, ist die Laufstrecke damit jetzt genauso BerlinWoMan-like wie die Radstrecke.

Man lernt nie aus, selbst wenn man schon zum wiederholten Mal an den Start geht. Und genau das ist mittlerweile der Fall. Ich gehöre inzwischen zum Jubiläums-Club dieses Rennens, und diese Verbundenheit macht alle zwei Jahre aufs Neue etwas mit mir. So sehr, dass ich über die Vorfreude fast vergessen hatte, wie fordernd eine Mitteldistanz eigentlich ist. Nach meiner Langdistanz im Juni dachte ich mir nur: Wie schlimm kann es schon werden? Die Antwort kam während des Anstiegs auf der Laufstrecke, keine Frage.

Belohnt wurde der Tag doppelt: mit der bislang schönsten Holzmedaille des Rennens und einer zweiten in Silber für den 2. Platz meiner Altersklasse. Mit Blick über die eigene Leistung hinaus freue ich mich besonders über die 100 Frauen, die diesmal über die Mitteldistanz an den Start gingen. Glückwunsch an jede Einzelne von euch.

In diesem ersten Teil unserer Serie nehmen Oliver und ich dich mit zur Startnummernausgabe, zum Rennmorgen, in den Wannsee und durch den Wechselbereich bis zum Start der Radstrecke. Im zweiten Teil folgen dann die Rad- und Laufstrecke bis zur Ziellinie. Und vielleicht wird dieser Bericht ja auch für dich der Anlass, einmal selbst die Reise nach Berlin anzutreten. Denn einen Triathlon mitten im Grün einer Großstadt findet man selten!

Der Triathlon, der einen besonderen Platz in meinem Herzen hat, wurde in diesem Jahr zu einem Saisonabschluss, den ich mir kaum besser oder anders hätte wünschen können! Dort, am Berliner Wannsee, begann vor 16 Jahren das, was mich heute als Athletin ausmacht, mein Leben wie kaum etwas anderes prägt und mir bis heute so viel Freude schenkt, dass ich es mir ohne das Triathlon-Sein kaum vorstellen kann.

Der BerlinWoMan-Triathlon war mein erster Triathlon. Über die Jahre hinweg hatte er trotz des Zwei-Jahres-Rhythmus einen festen Platz in meiner Saisonplanung, zumindest wenn keine wichtigen oder besonderen Reisen dazwischenkamen. Nach zwei Auszeiten aufgrund von Triathlonreisen im Ausland war es endlich wieder so weit, und ich sollte an der Startlinie am Strandbad Wannsee über die Mitteldistanz stehen. Das siebte Mal BerlinWoMan-Triathlon. Das sechste Mal die Mitteldistanz an diesem historischen und zugleich idyllischen Ort. Dieses Jahr mit neuer Rad- und Laufstrecke. Beides so hart wie nirgendwo sonst im Berliner und vermutlich auch Brandenburger Raum. Beides herausfordernd für so eine Distanz, wenn man ein Jahr nur in der flachen Stadt und auf dem Land unterwegs war. Aber nun war beides so unglaublich passend für diese Veranstaltung, dass man sich fragen könnte, warum die Strecken nicht schon immer so verliefen. Dazu aber später mehr im Detail.

Und damit komme ich erst einmal zum schlechtesten Smalltalk-Thema überhaupt: das Wetter. Wer sich beim BerlinWoMan-Triathlon in Berlin Wannsee anmeldet, muss mit allen Wetterbedingungen rechnen. Mit meinem sechsten Start über die Mitteldistanz hatte ich auf das perfekte Wetter gehofft. Und wenn ich ehrlich bin, hatten wir auch zum größten Teil des Tages die vermutlich perfekten Bedingungen, um so einen Wettkampf gut ins Ziel zu bringen. Der größte Teil jedoch ist eben nicht alles, und so zeichnen stürmische Bedingungen wie an der See mit reichlich Regengüssen ein teilweise ganz anderes Bild.

Triathlon vor dem Strandbad Wannsee Hauptgebäude und BerlinWoMan-Triathlon Bannern mit ihrem Zeitfahrrad und Zeitfahrhelm in der Hand

 

BERLINWOMAN-TRIATHLON STARTUNTERLAGENAUSGABE

Begonnen hatte alles am Freitagabend mit der Ausgabe der Startunterlagen. Traditionell findet die Wettkampfbesprechung freitags für alle Distanzen des Wochenendes statt. Der organisierende Verein „Weltraumjogger“ hat damit wieder großartige Arbeit geleistet und neben der Mitteldistanz, die ich absolvierte, auch den MiniWoMan, eine Sprintdistanz, einen Aquathlon und die Berliner Meisterschaft über die Mitteldistanz organisiert. Wem es am Freitagnachmittag nicht möglich war, dabei zu sein, konnte die Wettkampfbesprechung auch online anschauen und die Startunterlagen am jeweiligen Wettkampfmorgen abholen.

Ich wollte mich nach Feierabend vor Ort auf den Wettkampf einstimmen. Nach einer Verzögerung durch Sturm und einen ordentlichen Regenguss orientierte ich mich vor dem Strandbad Wannsee, wo eine kleine Bühne, alle Zelte der Veranstaltungsorganisation sowie eine kleine Messe aufgebaut waren. Alle Beschilderungen für das Wettkampfwochenende waren aufgehängt und ausgestellt. Die mittlerweile klassischen BerlinWoMan-Sonnenstühle standen bereit und trotzten den anfänglich harschen Wetterbedingungen. Zur feuchten Waldluft am Wannsee gesellten sich Neoprengeruch und die spürbare Aufregung der MiniWoMan-Athletinnen und -Athleten hinzu. Ich nutzte die Zeit für einige Gespräche mit Athleten und Athletinnen. Auch das ist etwas, was ich so sehr zu schätzen weiß: Die Berliner Triathleten, die man immer hier trifft. Auch Jahre später.

Bei der Ausgabe des kleinen Startbeutels ging es entspannt zu. Es gab eine eigene Reihe für die Frauen der Mitteldistanz. Irgendwie hatte ich mit mehr gerechnet. Aber letztlich gingen immerhin über 100 von uns auf diese Strecke. Entsprechend schnell erhielt ich meine Musette-Bag, auf Deutsch einfach Verpflegungsbeutel. Ein schöner Stoffbeutel, der sich auch mal für den privaten, nicht sportlichen Einsatz eignet. Aber noch viel wichtiger: 

Da war sie endlich. Die goldene Badekappe! 

Und ich bin jetzt offiziell Mitglied des BerlinWoMan-Triathlon-Jubiläumsclubs. Um ehrlich zu sein, hatte ich das bereits bei meinem ersten Start über die Mitteldistanz erhofft und bei jeder Teilnahme die goldenen Badekappen bewundert.

Nach einigen Eindrücken vom Wechselbereich machte ich mich auf den Heimweg, um die letzten Details vorzubereiten. Die Startnummern mussten angebracht und alles noch einmal überprüft werden. Nach einer wie immer wahnsinnigen Arbeitswoche freute ich mich dann doch sehr auf die Couch und etwas Ruhe, bevor um halb fünf der Wecker klingeln sollte.

 

WETTKAMPFMORGEN

Am Frühstückstisch in der Küche, in der typischen Septemberdunkelheit, zweifelte ich zum mittlerweile sechsten Mal, ob die Anmeldung für diesen Wettkampf überhaupt eine gute Idee war. So oft musste ich zu diesen Uhrzeiten mein vorbereitetes Frühstück in mich hineinquälen. Mit der Müdigkeit werde ich nie richtig fertig. Aber besonders hart ist es zu dieser Jahreszeit, wenn es einfach nicht hell werden möchte.

Das Frühstück, lauwarmer Reis mit Ahornsirup, schmeckte hingegen wirklich gut. Das Essen zu dieser Uhrzeit wird dadurch aber auch nicht einfacher. Viel Tee half dabei. Außerdem hatte ich nicht allzu viel Zeit eingeplant, um loszufahren. Die Parkplätze vor Ort sind morgens in der Regel binnen Minuten vergeben. Also heißt es, pünktlich kurz vor Öffnung des Bike-Check-ins da sein.

Alles lief absolut reibungslos. Es ist immer gut, für einen solchen Tag bestens vorbereitet zu sein. Wir parkten quasi zeitgleich mit mehreren anderen Athletenfahrzeugen ein. Mittlerweile war es hell. Zum Glück. Ich trank meinen noch heißen Matcha aus, was in der frischen Morgenluft bei um die 10 Grad richtig gut tat. Und vor allem endlich dafür sorgte, dass ich einigermaßen wach war!

Bei allen Athleten sahen die Vorbereitungen routiniert aus. Rad oder Räder aus dem Kofferraum nehmen, aufbauen und alles an Zubehör verstauen. Anschließend Kettenfett für alle verteilen und Richtung Wechselbereich rollen.

Zwei Eingänge zur Wechselzone waren ausreichend für die langsam ankommenden Athleten. Wir nutzten die anfängliche Ruhe für einige Fotos vom Zielbereich, an dem ich hoffentlich trotz neuer Strecke nicht allzu spät ankommen würde.

Nach einem kurzen Schwatz mit den Kampfrichtern über mein Fuji, seine Renntauglichkeit und den Sitz meines Helms konnte ich konnte zu den Stellplätzen gehen. Erste Neuerung für mich war, dass es richtige Bikeständer gibt, wie bei größeren Triathlonveranstaltungen üblich, statt normaler Fahrradständer. Und wir konnten uns unseren Stellplatz selbst aussuchen! Ich hatte also die Wahl: entweder schnell nach dem Schwimmen am Rad zu stehen und mit dem Rad durch den gesamten Wechselbereich zum Bike-Out zu laufen. Das natürlich auch nach der Radstrecke, um auf die Laufstrecke zu kommen. Denn der Run-Out-Ausgang befand sich am Anfang des Wechselbereichs, wo wir auch vom Schwimmen reinkamen. Das war definitiv die Wahl für alle, die es ruhiger und leerer mit viel Raum für ihr Rad mögen. Oder ich konnte mich am Ausgang in das bereits vorhandene Getümmel stürzen, um in Radschuhen mit dem Fuji in der Hand nur einen möglichst kurzen Weg zurücklegen zu müssen.

Wie hättest du dich entschieden?

Ich entschied mich für die Nähe zum Bike-Out-Ausgang und sehr kurze Wege mit meinem Fuji in der Hand. Letztlich war es eine super Entscheidung, weil wir Frauen als Erste starteten und ich weit vorn mitfahren konnte. Immer wenn ich den Wechselbereich betreten hatte, war er ausreichend leer, so dass das Gewusel in den dicht gestellten Bereichen ausblieb. Allerdings standen dort unsere Räder verdächtig dicht nebeneinander. So dicht, dass wir auch keine Taschen und Rücksäcke mit unseren Sachen platzieren konnten, sondern den wenigen Raum nur für unsere Lauf- und Radsachen nutzten. Meinen Rucksack, den ich mit einem kleinen Anhänger meiner Startnummer versehen hatte, konnte ich zum Glück bei den BerlinWoMan-Organisatoren abgeben.

Nach und nach trudelten sie alle ein, die bekannten Gesichter der Berliner und Brandenburger Triathleten. Aber trotz einiger Gespräche lief die Vorbereitung bei mir unglaublich schnell ab. Zum Glück versprach das Wetter bis zur Laufstrecke stabil zu bleiben, sodass ich mir um meine mitgebrachten Mülltüten und mögliche improvisierte Lösungen, um alles trocken zu halten, keine Sorgen machen musste. Meine kleine orangefarbene Triathlon-Vorlegermatte, oder wie man sie auch immer nennt, hatte ich mir für einen meiner ersten Triathlons gekauft. Ich fand das damals wichtiger, als einen TriSuit oder Zweiteiler zu haben, einfach damit ich mein Rad schneller finde und meine Sachen nicht auf einem Handtuch platziert werden mussten. Ich weiß nicht mal, ob es so etwas heute noch gibt? Jedenfalls begleitet sie mich seither bei Triathlons, die ohne Wechselbeutel auskommen. 

Triathlon beim BerlinWoMan-Triathlon im Wechselbereich an ihrem Zeitfahrrad stehend

Es war um kurz nach sieben Zeit, meinen Neoprenanzug anzuziehen. Der Wechselbereich hatte sich stark gefüllt. Langsam machte sich Unruhe breit, während sich die Sonne immer noch weigerte, hinter den Bäumen höher zu steigen. Dabei wäre das bei den Temperaturen wirklich schön gewesen.

Nachdem der Neoprenanzug so halb saß, aß ich meinen mitgebrachten Müsliriegel, eine Banane und trank mein Isowasser. Alles nach Plan, was sich bis zum Schwimmstart auch tatsächlich richtig gut anfühlte. Die Energie, die mir das Morgenlicht, mein Matcha und mein Essen schenkte, ließ mich langsam an einen guten Tag glauben.

Auch wenn das Wetter so absolut gar nicht das ist, was ich mir persönlich für so einen Tag wünschen würde. Und zu dieser Uhrzeit wusste ich noch nicht, wie mir das Wasser von oben und unten auf der Laufstrecke entgegenschießen sollte.

Triathletin Nadin von eiswuerfelimschuh.de lächelnd am Strandbad Wannsee in Morgensonne mit TriSuit und Neoprenanzug an und goldener Jubiläums-Badekappe in der Hand

Also gab ich meinen Rucksack mit all den restlichen Morgensachen ab und lief den Weg runter zum Strandbad Wannsee. All die Treppen, die ich in den nächsten 90 Minuten wieder hinaufgehen würde, empfingen mich mit kaltem Wind. Zum Glück hatte ich noch meine Strümpfe an (ja, das war Absicht).

 

SCHWIMMSTRECKE DES BERLINWOMAN-TRIATHLONS

Der Wind, der unaufhörlich vom Wannsee über den Strand fegte, wirbelte auch das Wasser ganz schön auf.

Für mich versprühte die Atmosphäre, die Temperatur und der Wellengang echte Ostsee-Vibes!

Triathletin Nadin von eiswuerfelimschuh.de lächelnd am Strandbad Wannsee in Morgens mit TriSuit und Neoprenanzug an und goldener Jubiläums-Badekappe in der Hand

Und da war ich froh, genau unter diesen Bedingungen bereits kürzlich eine Woche bei meiner Familie am und im See gefroren und neben dem Wetter auch die Wellen verinnerlicht zu haben. Meine Lust auf Einschwimmen bei knapp 20 Grad Wassertemperatur war gleich null. Deshalb erwärmte ich mich an Land so gut es ging im Neoprenanzug.

Kurz vor acht wurde es dann aber dennoch Zeit, die Freundschaft mit dem Wannsee wieder aufleben zu lassen. Eigentlich hatten wir in all den Jahren immer ein gutes Verhältnis, wenn man von den Lichtbedingungen auf der einen Wende-Geraden am Ende und den krautigen Algen absieht.

Mit meiner goldenen Badekappe, die man in unserem Startfeld eher selten sah, fiel ich scheinbar auf wie der Bademeisterturm mitten am Wannseestrand.

Als hätte ich meine Trophäe bereits vor dem Rennen erhalten.

Triathletin Nadin von eiswuerfelimschuh.de lächelnd am Strandbad Wannsee im Wasser stehend mit und Neoprenanzug an und goldener Jubiläums-Badekappe

Mehrere Athletinnen sprachen mich darauf an, dass ich damit ja vermutlich Ahnung hätte, wie man diese Strecke am besten schwimmt.

Ich fühlte mich in etwa so, als hätte ich das Memo am Morgen nicht gelesen, dass ich der Info-Point für die Schwimmstrecke bin.

Zum Glück hatte sich die Schwimmstrecke in all den Jahren nicht verändert. Und da konnte ich als Jubiläumsclub-Mitglied, oder Veteranin, wie es mir immer wieder durch den Kopf schoss an diesem frühen Morgen, tatsächlich etwas sagen.

Offensichtlich hatten es einige nicht mitbekommen, dass wir nach links im Uhrzeigersinn schwimmen würden. Andere wussten mit den gestreiften Bojen nichts anzufangen und sahen die roten Wendebojen nicht. Die nächsten wussten nichts vom Start vorn im Wasser. Ich konnte hoffentlich das Wissen auffrischen und alle Ungereimtheiten aus dem Weg schaffen. 

Der Untergrund im Wannsee ist immer etwas komisch weich, und man kann beziehungsweise muss immer gefühlt mehrere hundert Meter ins Wasser gehen, bis man eine nennenswerte Tiefe erreicht, die zum Schwimmen einlädt. Wer diesen Punkt verpasst, watet ins ungemütliche Algengewirr, und das, obwohl der See an sich eine recht gute Wasserqualität aufweist und dazu noch recht klar wirkt. Hat natürlich auch den Nachteil, dass man an manchen Stellen dieses Gewirr aus Wasserpflanzen sieht, während man versucht, einfach nur ohne wilde Gedanken, was sich in der Dunkelheit solch eines Sees verbirgt, die Schwimmstrecke zu absolvieren. Bei dem Wellengang an diesem Tag sollten die Gedanken aber ganz andere sein.

Ich jedenfalls bewegte mich etwas hin und her, bevor der Startschuss fallen wollte. Jedes Mal, wenn ich im flachen Teil wieder zum Stehen kam, bereute ich es, weil der Neoprenanzug es einfach nicht schaffte, den kalten Wind abzuhalten. Es war eindeutig wärmer, wenngleich nicht kuschelig, im Wasser als außerhalb. Also schwamm ich langsam Richtung Startlinie. Dort warteten alle Frauen der Mitteldistanz und des Aquathlons. Wir waren die erste Startgruppe und hatten reichlich Zeit, um uns vor den ersten Männern einen guten Vorsprung zu verschaffen.

Traditionell wurde die Mitteldistanz des BerlinWoMan-Triathlons mit einem Wasserstart und die Sprintdistanz einen Tag später mit einem Landstart vom Strand aus begonnen. Wir sollten am Samstag um 8 Uhr auf die Strecke gehen. Fünf Minuten vorher befand ich mich auf der verlängerten Linie zum Bademeistersteg. Dem bekannten Steg mit seinen Holzplanken und der alten Uhr, von wo aus die Bademeister einen Blick auf die Schwimmgäste haben.

Anfangs konnte ich es nicht glauben, wie kalt das Wasser an den Händen, am Hals und im Gesicht war. Die Sonne, die sich endlich langsam erbarmte, strahlte in mein Gesicht, und ich konnte zum ersten Mal für einen Moment genießen, im Wasser zu sein.

Sonne. Wasser. Ein früher, aber kein super früher Morgen. Eigentlich braucht es nicht viel, um mich glücklich zu machen.

Triathletin Nadin von eiswuerfelimschuh.de lächelnd im Wannsee schwimmend mit und Neoprenanzug an und goldener Jubiläums-Badekappe

Binnen weniger Augenblicke war das aber Vergangenheit, denn plötzlich wurde von den Organisatoren, Kommentatoren und Fotografen von 10 heruntergezählt, und pünktlich um 8 Uhr fiel der Startschuss.

Ich hatte mich, wie eigentlich in den meisten Fällen, ganz links einsortiert. Da ich mit hoher Wahrscheinlichkeit häufiger nach rechts atme, habe ich so immer das Startfeld oder auch kleine Gruppen oder einzelne Athleten im Blick. Das sollte sich auch dieses Mal wieder bezahlt machen.

Zwei Kilometer im Uhrzeigersinn plus 89, 90, 92 oder auch 99 Stufen (keiner weiß es so genau) zeichnen die BerlinWoMan-Schwimmstrecke aus. Und an diesem Tag kamen reichlich Wellengang und Wind hinzu. Die erste Gerade dieser 2 km lief wie am Schnürchen. Das Feld zog sich rasend schnell auseinander und verjüngte sich hinter dem Führungskanu zu einer langgezogenen Reihe von Athletinnen. 

Gab es das Führungskanu schon immer? 

Triathletin Nadin von eiswuerfelimschuh.de lächelnd im Wannsee kraulend schwimmend mit und Neoprenanzug an und goldener Jubiläums-Badekappe

Es fühlte sich für mich definitiv so an, als wären der Wind und die Strömung auf diesem ersten Abschnitt mit uns, wenngleich der Wellengang schon ganz schön an mir rüttelte und ich während des Orientierens etwas Kraft ließ.

Nach schätzungsweise 250 m war ich etwas irritiert, dass ich mit einer Athletin, die ein Stück rechts von mir schwamm, allein unterwegs war. Die Athletinnen, die vor uns waren, machten irgendwie einen Bogen, den ich nicht so recht nachvollziehen konnte. Mit Sicherheit zehnmal nacheinander schaute ich nach vorn Richtung der gestreiften Bojen, an deren Ende ich die rote Wendeboje sah. Es wirkte für mich, als wären wir die einzigen beiden, die geradewegs darauf zusteuerten. Ich ließ mich also nicht davon abbringen, und nach ungefähr 450 m in 8 Minuten erreichte ich die erste Wendeboje. 200 weitere Meter bewegte ich mich genauso ruhig und ohne Gedrängel um die zweite rote Boje und befand mich damit auf der längsten Geraden des Schwimmabschnitts, die parallel zum Sandstrand verlief.

Wir schwammen das gesamte Strandbad ab und hatten nun die Wellen von der linken Seite. Perfekt, wenn man meist nach rechts atmet. Aber irgendwie dennoch nicht viel einfacher. Die Orientierung nach vorn richtete sich nach dem Wellengang. Ich musste immer wieder an den Ironman Cairns denken. Jedes Mal musste ich dann aber wieder in mich hineinlächeln, weil das hier mitten im Wannsee zwar nicht unanstrengend war, aber nicht einmal ansatzweise mit Cairns verglichen werden konnte. Dort hatte ich zwischenzeitlich Gedanken wie: „Ich werde zu Hause den Rettungsschwimmer machen, um mich in solchen Bedingungen selbst retten zu können“; „Ich werde niemals an Land kommen“; „Wäre das mein erster Ironman, würde ich aufgeben und untergehen …“

Ja, ich war da sehr dramatisch, aber die Wellen waren es auch!

Wie ich später erfuhr, waren einige Athleten nicht von allein aus dem Wasser gekommen. Einer zog sich weit vom Start entfernt bei einer Schwanengruppe den Neoprenanzug aus. Sachen gibt es! Ein anderer Athlet wurde mit einem Rettungsboot an Land gebracht. Hoffentlich passierte da nichts Dramatisches. Aber besser rechtzeitig aufhören, als wenn es zu spät ist.

Was mir im Wannsee mehr zu schaffen machte, waren die Wassertemperatur, die kalten Hände, der Wind, der über unsere Köpfe fegte. Aber die Orientierung nach vorn und an der Athletin, die immer noch versetzt vor mir schwamm, holten mich immer wieder ins Hier und Jetzt zurück.

Nach einem guten Kilometer passierte ich, rund 150 Meter entfernt, den Bademeisterturm, von wo aus wir gestartet waren. Das hieß Halbzeit, und auch mein Garmin Forerunner zeigte mir mit einem Vibrieren an, dass die nächsten 500 Meter vorüber waren.

Triathletin Nadin von eiswuerfelimschuh.de lächelnd im Wannsee kraulend schwimmend mit und Neoprenanzug an und goldener Jubiläums-Badekappe

Nahezu die gesamte Schwimmstrecke behielt ich die andere goldene Badekappe im Blick. Selbst als mich zwischendrin eine Gruppe Schwäne ablenkte. Irgendwie schwammen wir aber jeweils auf einer anderen Bahn, und so waren wir zusammen und doch allein unterwegs. Ich hatte mir schon gewünscht, irgendwann mal Füße oder Beine vor mir zu haben. Aber so war es zumindest friedlich, und der einzige Fokus galt dem Blick nach vorn und der nächsten gestreiften Boje, die wir passieren wollten. Kurz vor dem Yachtclub, nach ungefähr 1,4 km, befand sich die vorletzte Wendeboje. An sich riesig, aber in all den Wellen und der Ferne durch die lange Gerade war ich wirklich froh, als wir sie endlich hinter uns lassen konnten.

Die Wellen schoben uns von dort aus Richtung Strand – immer der Sonne entgegen. Das Auf und Ab, das Glitzern der Sonnenstrahlen auf dem Wasser und die Sonne selbst sorgte dafür, dass ich arge Schwierigkeiten hatte, die vierte rote Wendeboje wahrzunehmen. Ich orientierte mich einige Armzüge an den anderen wenigen Athletinnen vor mir und hoffte, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Wie sich nach gut 100 m herausstellte, war die Wendeboje umgefallen. Mit frontaler Sonne und meiner klaren Schwimmbrille, die für den Rest der Strecke perfekt war, war es ein kleines Unterfangen, nicht vom Weg abzukommen. Als wir endlich an dieser vierten roten Boje ankamen, schwamm ich halb unter der Boje hindurch. Endlich konnte ich wieder den Bademeisterturm mit seiner Uhr sehen. Endlich etwas, auf das ich mich richtig freute.

Die Armzüge wurden langsam zäher. Der Wunsch, den Wannsee endlich hinter mir zu lassen, wurde mit jedem Meter größer. Die Zeit verstrich im Wellengang rasend schnell. Die Kilometer im Gegenzug leider weniger. Ich schob alles auf die kühlen Schultern, auf den zähen Neoprenanzug, die kalten Hände. Letztlich umschwamm ich den Steg, ohne überholt zu werden, aber auch ohne selbst viele Athletinnen zu überholen. Das Feld hatte sich nach dem Massenstart am Anfang schnell so sortiert, wie es für den Rest der Strecke nahezu gleich blieb.

Nach knapp 40 Minuten stand ich mit der Athletin neben mir im flachen Wannseewasser auf.

Wir mussten erst einmal die Wasserbedingungen und die Wellen auswerten. Als hätten wir alle Zeit der Welt an diesem Wettkampfmorgen!

All das während auf dem Steg DLRG-Mitarbeiter mit einer Athletin liefen. Ob sie auch aufgegeben hatte?

Triathletin Nadin von eiswuerfelimschuh.de lächelnd am Strandbad Wannsee mit einer anderen Athletin sprechend mit und Neoprenanzug an und goldener Jubiläums-Badekappe

Mein Forerunner zeigte neben dem Steg durch die letzten Meter Wannsee watend schon gut 2 km an. Die wirkliche Anstrengung sollte aber noch kommen! Erst konnte ich mit den kalten Fingern partout nicht das Bändchen des Reißverschlusses an meinem Neoprenanzug greifen. Meine Arme und Hände waren ganz starr.

Meine Beine fühlten sich schon vor den Treppen erschöpft an. Also setzte ich erst einmal die Schwimmbrille nach oben. Die Sonne strahlte, und die Wärme war sofort durch den Anzug zu spüren. Meine Stimmung stieg von so mittel auf bestens, einfach weil sich plötzlich alles etwas einfacher anfühlte. Nach mehreren Versuchen konnte ich einen Teil des Anzugs herunterziehen. Was für eine Erleichterung.

Triathletin Nadin von eiswuerfelimschuh.de nach Schwimmstrecke beim BerlinWoMan-Triathlon aus Wannsee kommend mit Neoprenanzug an und goldener Jubiläums-Badekappe

Die Zuschauer, die ich bereits vorn am Steg im Wasser gehört hatte, bildeten ein Spalier, das uns Athletinnen zu den Treppen führte. Ein schönes Gefühl, sie so nah zu haben und den Applaus unmittelbar neben mir wahrzunehmen.

Eigentlich ist meine Strategie klar, wenn es um die wundersam unterschiedliche Anzahl von Stufen geht, die vom Strandbad unten hinauf zum Wechselbereich führen.

So langsam wie nötig, so schnell wie möglich.

Die erste Handvoll Stufen war blitzschnell überwunden, als aus dem Nichts mein rechter innerer Oberschenkel so stark zusammenzog, dass ich mein Bein kaum mehr heben konnte. Ich hielt kurz inne, als aus dem Ziehen ein Krampf wurde. Jedes Anheben meines Beines wurde mit mehr Festigkeit bestraft. Vermutlich von dem kalten und festen Neoprenanzug verursacht.

Triathletin Nadin von eiswuerfelimschuh.de nach Schwimmstrecke beim BerlinWoMan-Triathlon die Treppenstufen am Strandbad Wannsee hoch laufend mit Neoprenanzug an und goldener Jubiläums-Badekappe

Dass mich in diesem Moment eine Athletin und der erste Athlet überholten, zehrte etwas an meiner Moral. Aber wenn das Bein nicht will, will es nicht. Also so langsam wie nötig ging es weiter. Immer noch zumindest so schnell, dass Oliver nicht so schnell nachkam. Also vielleicht doch nicht allzu langsam.

Bis ich oben am Ende der Stufen angelangt war, hatte ich den Neoprenanzug, zumindest so weit ich durfte, heruntergezogen. Meine Schwimmbrille und Badekappe hatte ich sortiert. Auf dem endlich erreichten geraden Weg konnte ich auch wieder richtig laufen. Der grobe Asphalt zwickte unter den ausgekühlten Fußsohlen. Jeder kleine Stein fühlte sich wie ein Kopfsteinpflasterstein an. Zum Glück standen überall Zuschauer, sodass ich nicht allzu sehr im Drama versank.

 

WECHSEL AUF DIE RADSTRECKE

Nach 44:47 min hatte ich die Zeitmessmatte oben am Wechselbereich als 13. Athletin überschritten. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich war, als ich endlich an meinem Fuji am Ende des Wechselbereichs stand und aus dem Neoprenanzug raus konnte. Den hängte ich direkt über den Fahrradständer neben mein Rad, um Platz für meine anderen Sachen zu haben. Ich musste meine Söckchen, Calves und Radschuhe anziehen, die Startnummer umhängen und den Helm aufsetzen. Alles lief ausgesprochen gut. Ich wundere mich selbst beim Schreiben, dass der Helm einfach so zuging. Sachen gibt’s! 

Triathletin mit Zeitfahrhelm im Wechselbereich des BerlinWoMan-Triathlons am Zeitfahrrad stehend

Die Kampfrichter am Ausgang hatten aber nicht nur mich so dicht bei ihnen stehend im Blick, sondern auch den ersten Athleten, dem sie entgegenriefen, dass sein Führungsmotorrad für ihn bereitstehe. Er schoss mit seinem Rad an mir vorbei. Gerade als ich mein Fuji vom Radständer hob.

Die Wechselzeiten fielen zum Teil auf den Schwimmabschnitt und zum Teil auf den Radabschnitt. Was ich grob mit meinem Forerunner ermittelt hatte, waren nicht einmal drei Minuten, bis ich auf dem Fuji saß. 

Und meine Position im Wechselbereich war Gold wert. Dafür würde ich das  nächste Mal sogar eher aufstehen, um mir wieder so einen Platz zu sichern. 

Es war für mich eine mutige Entscheidung, morgens direkt den Alé Cycling TriSuit anzuziehen. Aber ich hatte an diesem Tag aus irgendeinem Grund absolut keine Lust, mich mit dem TriSuit an meinem Rad zu beschäftigen. Auch wenn das erst einmal hieß, bei 15 Grad die ersten Kilometer tropfnass und frierend auf dem Fuji vor mich hinzuschimpfen. Was mir einfiel! Warum ich so etwas mitmache! Wie ich überhaupt dazu kam, mit dem Triathlon anzufangen, wenn das Wetter einfach typisches Berliner Wetter ist! 

Wie es für mich auf der Radstrecke des BerlinWoMan-Triathlons weiter verlief, kannst du in unserem zweiten Teil in den kommenden Tagen nachlesen.

[Photo Credits: Oliver Eule / eiswuerfelimschuh.de] | Alle hier gezeigten Fotos wurden wie immer von Oliver Eule aufgenommen. Die Rechte an diesen Fotos liegen bei ihm und mir. Eine weitere Nutzung der Fotos ist in Absprache mit uns gerne möglich. Bei Interesse schreibt uns bitte eine E-Mail, um Details der Nutzung auf Social Media, Webseiten oder Printmedien zu klären.

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