Radgeschichten: Neulich in einem Radsportgeschäft…

Ich begab mich neulich in ein Radsportgeschäft. Das Geschäft war mit allem ausgestattet, was der Radler an Hightech so begehrt. Die Frühjahrskollektion der Super-Renner schien gerade eingetroffen zu sein. Es roch förmlich nach frischem Lack und dem Gummi der neuen Reifen.

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Der Laden war wirklich riesig. Das Ende der Halle war nicht ansatzweise zu erahnen. Zu meiner Überraschung gab es sogar eine Reparatur-Werkstatt. Gut zu wissen für den nächsten Besuch um mein Rad mal durchchecken zu lassen, ging mir so durch den Kopf.

Ich stehe da also und fühle mich fast verloren inmitten dieser riesigen Auswahl an Rädern und dem Zubehör. Klischee hin oder her, aber ich denke mir: „der sportliche Typ dort drüben, der gebaut ist wie ein Rennradfahrer, der muss mir doch garantiert weiterhelfen können. Der hat bestimmt die meiste Ahnung.“

Ich nehme ihn ins Visier und laufe auf ihn zu. Gut gelaunt und drahtig wie ein Profi-Fahrer steht er mir dann hinter seinem Tresen gegenüber. Überall diese Glasplatten, darunter liegen die feinsten Komponenten von Shimano und dieser anderen edlen Marke aus Italien. Wie das so üblich ist zwischen Kunde und Verkäufer, entwickelte sich ein Gespräch und das verlief  bei uns in etwa so:

„Kann ich ihnen helfen“, fragte er.

„Oh ja“, war meine Antwort, denn ich suchte an diesen üblichen Regalhaken zuvor zwei Sachen vergeblich.

„Ich brauche neue Bremsbeläge für meine Ultegra Bremsen. Ich fliege bald in den Urlaub und muss da einige Berge hochfahren. Zur Sicherheit möchte ich noch ein Paar als Ersatz mitnehmen. Bei den Abfahrten werde ich bestimmt bremsen bis die Felgen glühen.“

Er lachte laut und meinte: „Das ist eine gute Entscheidung. Sehr vorausschauend von ihnen. Welche Ultegra ist denn am Rahmen montiert?“

Ups!!!  Da hatte er mich aber erwischt. Er glänzte wirklich mit Fachwissen. Mehr als ich sogar erhoffte, denn ich hatte keine Ahnung wovon er sprach!

„Ultegra Bremsen gibt es einige verschiedene Versionen. Das ist vom Baujahr abhängig.“

Ich sollte nun schätzen wie alt die wären. Glücklicherweise hatte ich noch zuhause eine Bremsbacke abschrauben lassen um vorsichtshalber vergleichen zu können. 

„Okay, also ich schätze mal, das ist die Version „6500“. Aber ich gucke nochmal nach“, entgegnete er mir.

Er war sehr engagiert und durchforstete seine Unterlagen. Es schien eine Menge von diesen Versionen zu geben, denn es dauerte bestimmt mehr als fünf Minuten.

„Müsste die hier sein. Bin mir ziemlich sicher“, meinte er schließlich.

Er ging ins Lager und holte eine blaue Packung in der zwei Bremsbacken lagen. „Die von Shimano sind momentan ausverkauft. Das dauert ein paar Wochen wenn ich die bestelle. Die sind aber baugleich obwohl auf der Packung Mountainbike steht.“

Ich überlegte nicht lange und sagte: „Das ist völlig in Ordnung die nehme ich, wenn sie wirklich passen.“

„Aber klaro, gucke mal hier.“ Er hielt alt gegen neu und zählte sogar die Rillen im Gummi nach. Es schien alles zu stimmen.

„Kann ich noch was für Dich tun„, fragte er nach und wir waren ab diesen Moment per Du obwohl ich nicht wusste warum überhaupt.

„Oh ja, ich habe schon da hinten gesucht, aber nichts gefunden. Ich suche noch Sitzcreme.“

Seine Augen wurden etwas größer hatte ich den Eindruck. „Äh – also – nein,  so was haben wir nicht. Ich bin schon über zehn Jahre hier aber so was – hat mich hier noch keiner gefragt! 

„Wirklich nicht“, fragte ich bestimmt genauso erstaunt wie er zuvor.

„Das ist ja ein Ding“, fügte ich noch hinzu auf meine Art und Weise, wie ein typischer Berliner eben so reagiert. Er schaute daraufhin etwas ratlos ins Leere.

Nicht nur das ich das Gefühl hatte, das er von der Frage völlig überrascht war. Er wirkte auf mich, als ob er nicht wirklich wusste, wofür die Sitzcreme überhaupt zu gebrauchen sei. Wir standen uns einen Augenblick gegenüber, ohne das wir beide eine Ahnung hatten, was nun aus dem Gespräch werden sollte.

„Also ich schwöre ja drauf“,  fuhr ich fort und es herrschte wieder kurze Stille.

„Ähhh? Ja“, grummelte er in seiner seltsamen Art und Weise.

Ich so: „Also für nur eine Stunde im Sattel geht auch mal ohne, aber… bei längeren Touren ist es schon angenehmer. Und die Hose duftet danach auch noch wie neu. „

„Soso…!?! Ähmmm“, er grummelte weiter in seinen Dreitagebart.

„Ja manche Cremes schnuppern nach Lavendel und andere nach Kräutern und so, da gibt es schon einige tolle Produkte auf dem Markt…“

„Nee also wie gesagt,…so was haben wir nicht“, sagte er.

„Okay…ähm, dann nehme ich nur die Bremsen. Die sind im Moment ja auch das Wichtigste“, meinte ich.

„Mmm…Ja gerne!! Bis bald dann“, waren seine letzten Worte und das Gespräch war beendet.

Ich bedankte mich freundlich, schlich noch ein wenig durch die Gänge und schaute mal in die Ecke mit den Reinigungsmitteln und Köperpflegeartikeln. Dort standen Produkte wie; Handwaschpaste, Kettenfett und Rostentferner. Auch ein Öl zum Einreiben der Beine sowie Enthaarungscremes usw. Aber tatsächlich keine Sitzcreme.

Gut dachte ich mir, sie führen also keine in diesem Mega-Radgeschäft. Doch was wirklich komisch war – dieser Verkäufer schien nicht wirklich zu wissen, was eine Sitzcreme überhaupt ist.

Ich musste innerlich kichern und ging dann zur Kasse. Ich bezahlte die Ware und fuhr nach Hause. Dort angekommen habe ich die Bremsen gleich an mein Rennrad gehalten. Sie passten perfekt. Eines hat mich aber weiter beschäftigt  und ich habe gleich noch einmal zu Haus nachgeschaut. Was soll ich sagen? Sitzcreme ist keine neue Errungenschaft des 21. Jahrhunderts. Es gibt sie schon sehr lange auf dem Markt. Hier ist der Beweis aus meinem Radsport-Katalog der 60er Jahre!

Sitzcreme Katalog Radsport Rennrad

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PS: Auf dem Garmin Blog gibt es meine Sonntagsgeschichte zur letzten Ausfahrt.  

Als Triathletin & Autorin von Eiswuerfel Im Schuh bin ich zusammen mit meinem Sportfotografen immer auf der Suche nach der nächsten Herausforderung und neuen Bildmotiven. Als Julimädchen liebe ich die Sonne, das Meer und den Sand zwischen den Zehen, genieße aber auch die Ruhe auf meiner Yogamatte oder auf einem Surfbrett. Ich freue mich, mit dir auf FacebookTwitterPinterestInstagram und Google+ in Kontakt zu bleiben.

0 Gedanken zu “Radgeschichten: Neulich in einem Radsportgeschäft…

  1. warst du bei Stadler? 🙂
    mein Bruder ist Radsportler und ich hab noch nie von ihm was über Sitzcreme gehört. geschmiert wird nur auf Wunden, nicht auf gesunde Hintern. Ist das vielleicht ne Mädchensache? 😛
    ich weiß auch, dass bei Stadler Jungs arbeiten, die selbst ambitioniert radfahren oder gefahren sind. vielleicht sind so Cremes einfach kein Thema, wenn man seit seiner Kindheit im Sattel sitzt.

    • Nein, eigentlich kenne ich das nur von männlichen Radsportlern. Mir war das ja auch bis vor einigen Jahren absolut unbekannt. Aber gerade an Naht- und Druckstellen ist das wirklich eine Empfehlung wert. Ich meine bei Stadler hätte ich so etwas schon einmal gesehen.

  2. Da hast du den Verkäufer aber eiskalt erwischt! 😉

    Ich muss gestehen, dass ich auch noch nie eine Sitzcreme verwendet habe.
    Weder bei einem Trainingslager, noch bei einem Brevet oder 12h-Rennen.

    • Aber wirklich…
      Bis vor einigen Jahren kannte ich das auch nicht, aber gerade wenn man normal Tights trägt und darunter spezielle Radhöschen ist das super für die Nahtstellen. Von Rennradsportlern kenne ich das allerdings gar nicht anders. Die können nicht ohne.

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