‚Die Krux mit der Kompressionskleidung‘ oder ‚Warum auch ich sie trage‘

Der normale Freizeitsportler neigt dazu, immer auch das machen zu wollen oder zu müssen, was die Profis tun und so verwundert es nicht, dass immer mehr Hobbyläufer in hautengen Teilchen durch die Wälder laufen. Kompressionskleidung, wahlweise als Ganzkörperoutfit oder aber auch schon mal nur für die Waden, soll beim Training unterstützend wirken. Die Sportmessen werden geradezu besiedelt von Anbietern solcher Produkte, die mehr oder weniger Großes versprechen. Einen hohen Anteil an diesem Trend hat das Internet dank all der Social Media Tools und Blogs, die einstige medizinische Wäsche schon seit einiger Zeit geradezu zu einem Hype werden lassen, von dem ich mich nun nach Monaten, das muss ich zugeben, auch habe irgendwie anstecken lassen. Obwohl ich weiß, dass die Wirkung umstritten ist, habe ich mir nun eine lange Tights zugelegt und das ganze mit einem paar Laufstrümpfe abgerundet.

Man muss erwähnen, dass ich vorbelastet bin. Seit Jahren, tatsächlich kann man sagen seit mehr als einem Jahrzehnt, trage ich bei Reisen und langen Arbeitstagen bereits medizinische Kompressionsstrümpfe aus der Apotheke, mit denen ich durchweg zufrieden bin. Sowohl beim Stehen als auch langem Sitzen neige ich zum Wasserstau in den Füßen und Waden und Kompressionssocken schaffen einfach und schnell Abhilfe. Nebenbei sehen sie in ihrem tiefen Schwarz auch ganz normal wie Kniestrümpfe aus und mit einem hübschen Faltenrock werten sie sogar den Tageslook auf.

Wie auch immer – nun zu den harten Fakten, warum man laut diverser Hersteller Kompressionskleidung nicht mehr nur zu medizinischem sondern auch zum sportlichen Zweck einsetzen soll.

Kompressionskleidung ist perfekt auf die Anatomie des Körpers abgestimmt, so dass die Durchblutung  in den Muskeln durch leichten Druck an den richtigen Stellen gefördert werden soll. Dadurch kann mehr Sauerstoff in die Muskulatur gelangen, was zu mehr Energie führt und somit das Leistungspotential, die Muskel- sowie Ausdauerleistung erhöht.

Ein weiteres Plus soll die verbesserte Regenerationsfähigkeit sein – wenn man die Kompressionskleidung auch nach dem Training trägt, kann durch die bessere Durchblutung die entstandene Laktat schneller abtransportiert werden. Außerdem schützt das dicht gewebte Material auch bei frischen Temperaturen vor dem Auskühlen.

Das Verletzungsrisiko kann durch Kompressionskleidung ebenfalls minimiert werden, da die Muskulatur nicht nur aktiviert, sondern auch stabilisiert wird. Beim Sport entstehen Muskelvibrationen, die verringert werden, so dass es weniger häufig zu Muskelverletzungen, Krämpfe und Muskelkater kommen soll. Zudem wird durch diese Stabilisierung auch der Achillessehne vor Abnutzung geschützt.

Ein guter Strumpf zeichnet sich durch ein optimal verteiltes Druckverhältnis, das an der Fessel den höchsten Druck ausübt und nach oben hin langsam abnimmt. Der Effekt ist, dass das Blut schneller aus dem Fuß/der Wade zurückfließen kann und der Abtransport metabolischer Substanzen wie Laktat beschleunigt wird.

Alle Anbieter, die auf den Markt drängen, egal, ob es Body Science (BSc), SKINS, SIGVARIS, XBIONIC, Newline, Zoot, Adidas, Nike… sind, verwenden modernste High-Tech Faser, um den perfekten Druck zu garantieren.

Der Platzhirsch SKINS hat mehr als 400 Punkte des menschlichen Körpers, zu denen auch Alter und Geschlecht zählen, analysiert und daraus den Body-Mass-Function-Index entwickelt, der perfekten Sitz verspricht. Bis jetzt konnte ich erfolgreich um alle Messestände herumlaufen, was  letztlich dem Preis geschuldet ist, aber ich werde sicher irgendwann deren Werbung erliegen.

Bei dem Strumpfhersteller SIGVARIS findet sicher jeder passend zu seiner Bein-, Waden- und Schuhgröße Strümpfe, denn hier wird alles sehr genau vermessen und nicht nur der Wadenumfang als Maß der Dinge eingestuft. Der so optimal sitzende Strumpf garantiert den idealen Druckverlauf mit entsprechender Wirkung. Wenn ich einen Händler auftue, wird sicher ein paar von ihnen in meinem Laufschrank landen, weil ich hier das Gesamtkonzept der exakten Vermessung sehr überzeugend finde.

Wenn nicht sowieso neue Laufhosen und Strümpfe nötig gewesen wären, hätte ich vermutlich auch keine Kompressionskleidung gekauft. Da die letzten zwei Winter aber lang und hart gewesen sind, meine alten Hosen im Dauereinsatz bis zum totalen Verlust sämtlicher Eigenschaften runtergetragen waren (sprich Gummis gerissen, derart ausgeleiert, dass ich sie während des Laufens fast verloren hätte), bot es sich an, auch diesem Hype hinterher zu rennen. Ja, alles nur Ausreden, um den Kauf zu rechtfertigen, denn Studien sprechen lediglich von einer sehr geringen Wirkung von wenigen Prozenten, die natürlich bei Leistungssportlern vielleicht die Welt ausmachen können.

Ich wollte erst einmal eine Empfehlung von ultra ist gut folgen (liebe Hersteller, nichts funktioniert besser als Empfehlungsmarketing) und habe mich für eine lange Tights und Strümpfe von Newline entschieden. Der tolle Kundenservice stand mir bei der Größenwahl super zur Seite und der Preis von unter 50€ für eine Hose ist absolut in Ordnung, denn selbst bei normaler Laufbekleidung kann man deutlich mehr Geld lassen.

Eine lange Tights scheint vielleicht nicht die beste Wahl für diese Jahreszeit, aber ich habe sowohl Hose wie auch Strümpfe schon seit einigen Monaten, so dass sie zwar nicht bei kalten Temperaturen aber bei durchaus kühlen 10 Grad zum Einsatz kam. Und ja, etwa so schnittig wie auf diesem Herstellerfoto links sehe ich auch aus, wenn ich das Höschen trage. Mein Laufgefühl ist definitiv ein anderes, wenn ich sie anhabe; irgendwie geradliniger, sauberer – fühle mich im Handumdrehen wie ein richtiger Sportler, nicht mehr wie ein Hobbyläufer. Beim ersten Anziehversuch habe ich mich schon gefragt, wie eng Kompressionskleidung sein muss, aber mittlerweile habe ich mich auch an dieses Gefühlt gewöhnt.

Die Hose hat zudem natürlich auch alle Eigenschaften, die man von einer guten Laufhose erwartet – weiches Material, flache Nähte, eine Reißverschlusstasche am Rücken, die ich definitiv allen Mini-Täschchen vorne vorziehe, Reißverschlüsse an den unteren Beinenden und ein Bändchen am Bauch zum Festziehen. Sie ist natürlich schnell trocknend und atmungsaktiv. Ich würde mir nur wünschen, dass das Bündchen am Bauch nicht so typisch laufhosenschmal wäre – ansonsten ist alles tipp top.

Die Socken, auch wenn sie nur in Einheitsgröße kommen, sitzen sehr gut und erfüllen ihren Zweck, sowohl beim Stehen, wie auch Sitzen. Beim Laufen vermitteln sie ein ebenso angenehmes Gefühl, wie die Hose, auch wenn sie aus ziemlich dickem Material zu sein scheinen, das man bei Kompressionssocken nicht erwarten würde.

Ich habe beide Sachen auch zu regenerativen Zwecken angehabt und meine, dass ich damit auch besser sitze und sich meine Muskeln so fest verpackt, leichter anfühlen. Mir ist es aber leider nicht möglich darüber zu urteilen, ob ich tatsächlich diese paar Prozent an Leistungssteigerung wahrnehme und ob meine Regeneration durch Kompressionskleidung verbessert wird. Aber Tatsache ist, dass Kompressionskleidung auch bei medizinischen Zwecken, zum Beispiel zur Vermeidung von Thrombosen eingesetzt wird, so dass sich eine Wirkung auch dadurch ableiten lässt. Zudem wirken die Strümpfe bei mir beim langen Sitzen wie oben erwähnt Wunder und man macht in den engen, scheinbar formenden Höschen eine wirklich gute Figur.

Also bleibt zum Schluss für mich immer noch die Frage offen: alles nur Hype oder sind Wunder doch möglich, nur eben bei mir als einfachen kleinen Hobbysportler nicht so wahrnehmbar.

Als Triathletin & Autorin von Eiswuerfel Im Schuh bin ich zusammen mit meinem Sportfotografen immer auf der Suche nach der nächsten Herausforderung und neuen Bildmotiven. Als Julimädchen liebe ich die Sonne, das Meer und den Sand zwischen den Zehen, genieße aber auch die Ruhe auf meiner Yogamatte oder auf einem Surfbrett. Ich freue mich, mit dir auf FacebookTwitterPinterestInstagram und Google+ in Kontakt zu bleiben.

12 Gedanken zu “‚Die Krux mit der Kompressionskleidung‘ oder ‚Warum auch ich sie trage‘

  1. Eine überlegenswerte Überlegung: Wenn man sich die Gewinner aller großen Marathons anssieht – und dabei sind viele Afrikaner mit dabei – ist sehr selten etwas von Kompression zu sehen. Woran liegt das? Die würden doch wohl „alles“ daran setzen, um ihre Leistung zu steigern – und werden durch die Bank von Sportmedizinern betreut. Ist das Kompressions-Phänomen ein rein europäisches Phänomen für prall gefüllt Läufer-Geldbeutel?

    • Schön von dir auf diesem Wege zu hören!
      In der Tat, wundersam – ich habe habe bis jetzt auch so gut wie nur weiße Spitzenläuferinnen damit gesehen und vielleicht ist der Breitensport die ideal Zielgruppe für solch Materialien. Wer möchte nicht einmal über die Strecke fliegen, wie die Profis, auch wenn es nicht einmal ansatzweise solch Ergebnisse gibt.

  2. Ich habe mal gelesen, dass bei den akfrikanischen Läufern der Kompressionseffekt nicht nennenswert auftreten würde. Warum genau, weiß ich nicht mehr. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es mit den dünnen Beinen zu tun hat.

  3. … oder die Afrikaner brauchen den Placebo-Effekt nicht?

    Wer sich damit gut fühlt, soll sie tragen. Auch ich habe jetzt beim Läuferzehnkampf nachts zur Regeneration Kompressions-Spyker von X-Bionic an den Waden gehabt – und sie fühlten sich gut an. Nur leider weiß man ja nicht, wie es sich dann angefühlt hätte, wenn die Kompression nicht gewesen wäre …

    • Ja, in der Tat, Zwickmühle. Ich fühle mich immer ganz gut, wenn ich die langen Tights nach dem Sport anhabe, aber ob es etwas bringt? Auf jeden Fall habe ich eine dreiviertel Tights von X-Bionic nachgekauft und die finde ich fast noch einen Tick besser, was das Trageverhalten angeht. Aber während intensiver Einheiten ist das Material von new line einfach strammer und wirkt sich positiver auf meine Bewegungen aus.

  4. Ich verwende Kompressionsstrümpfe seit 2 Jahren regelmäßig für intensive Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Eine leistungssteigernde Wirkung habe ich bis heute noch nicht wahrgenommen. Was ich aber zu 100 % unterschreibe ist, dass die Durchblutung gefördert wird und die Verletzungsanfälligkeit herabgesetzt wird. Zu diesen 2 Punkten habe ich tolle Erfahrungen gemacht!
    Ganz klar zielt das Marketingkonzept auf den Breitensport ab, wo sonst verdient man das meiste Geld?

    Meine persönliche Meinung:
    Kompressionsbekleidung hat keine nachweisbare leistungssteigernde Wirkung und ist für die meisten Läufer absolut nicht nötig!
    Hat jemand Probleme mit ständigen Verletzungen, z.B. aufgrund Durchblutungsstörungen…, dann ist solch eine Bekleidung ein absolutes MUST HAVE!!!!!

  5. Schöner informativer und interessanter Bericht!
    Ich bin im Moment auch am überlegen mir vielleicht Kompressionskleidung (zunächst mal wohl Strümpfe) zu kaufen. Hatte am Samstag zum ersten mal Probleme mit den Waden bei nem langen Lauf (ca. 31km). Möglicherweise könnte ich dies bei langen Läufen mit Strümpfen etwas vorbeugen und dann auch zur Regeneration in der Nacht.
    Mal überlegen, aber Strümpfe sind ja nicht ganz so teuer.

    Gruß sveeen

    • Ich denke, dass es nicht gleich ein Anzug oder lange Hosen sein müssen! Probier es doch erst einmal. Ich bin mit meinen neuen CEP Socken mehr als zufrieden und trage sie auch tagsüber im Büro, wenn ich schwere Beine habe. Ich fühle mich damit einfach besser! Nach langen Läufen mag ich auch das stützende Gefühl.

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