Es ist wieder dieser Monat. Auf den Laufstrecken drängen sich plötzlich Menschen. Die Fitnessstudios versprechen die beste Version deiner selbst. Und auf Social Media überschlagen sich die Transformationsversprechen.
Der Januar ist der Monat, in dem wir uns vornehmen, endlich das zu schaffen, was wir in den vergangenen Tagen, Wochen, Monaten nicht geschafft haben. Es ist der Monat der Selbstoptimierung, der großen Pläne, des verzweifelten Versuchs, unser angeblich nicht ausreichendes Leben endlich in den Griff zu bekommen.
Doch mitten in diesem Sturm der Perfektion stelle ich eine Frage, die ziemlich einfach ist und viel verändern kann: Was, wenn wir bereits vollständig sind? Was, wenn unser Leben es auch ist?
Worum es dabei gehen kann – denn selbst das ist nicht festgeschrieben und darf sich mit dir und deinem Leben entwickeln – erfährst du in diesem neuen Beitrag zum neuen Jahr.
Vollständig sein – das ist der perfekte Gegenpol zur Januar-Selbstoptimierungs-Hysterie. Nicht als Ausrede für Stillstand. Nicht als Rechtfertigung für Bequemlichkeit. Sondern als fundamentale Wahrheit über das Wachsen, das Werden, das einfach nur Menschsein.
DAS PARADOX DES VOLLSTÄNDIG-SEINS
Wie können wir gleichzeitig vollständig sein und trotzdem wachsen wollen?
Hier zeigt sich das wahre Paradox unseres Strebens. Und ich begegne dieser Frage überall – auf meiner Yogamatte, in Coachings, während des Trainings, in Gesprächen mit Menschen, die gerade versuchen, ihr Leben irgendwie zusammenzuhalten.
Die Antwort liegt nicht in einem Entweder-Oder. Sie liegt im Und.
Auf der Yogamatte, nach Jahrzehnten der Praxis, gibt es Haltungen, die ich nicht beherrsche. Beim Surfen verbringe ich mehr Zeit unter dem Board als darauf. Im Triathlon scheint es auch nach Jahren des Trainings und der Wettkämpfe nicht einfacher zu werden. Und dennoch – oder gerade deshalb – liebe ich all das über alles.
Ich bin keine außergewöhnlich talentierte Yogaübende, trotz jahrzehntelanger Praxis. Ich muss mich zusammenreißen, still zu sitzen. Meinen Fokus zu finden. Oder sogar die Matte auszurollen. Aber Yoga zu üben gibt mir so viel mehr, als dass ich mich von all den Hindernissen daran hindern lassen würde, es weiter zu üben.
Das ist das Paradox: Ich bin vollständig in meiner Unvollkommenheit. Ich wachse nicht, weil ich unvollständig bin, sondern weil ich vollständig bin.
Es geht mir nicht darum, den nächsten Triathlon zu gewinnen, die nächste Yogahaltung in Perfektion auszuüben oder auf einem Surfbrett zu stehen, als würde ich zu den Profis gehören. Vielmehr geht es mir um den Prozess selbst, der mich persönlich, meinen Charakter und mein Leben bereichert. Mir ist es viel wichtiger, für mich einzustehen, das zu machen, was ich liebe und dabei präsent zu sein.
Diese Präsenz – dieses vollständige Dabei-Sein – ist keine Technik. Es ist eine Haltung. Eine Art zu leben.
VON DER PERFEKTION ZUR AUTHENTIZITÄT
Bei einem Radrennen gab es diesen Jungen. Vielleicht kennst du die Geschichte bereits von mir. Er saß begeistert und stolz auf seinem Mountainbike. Runde um Runde drehte er mit so viel Spaß. Die schnellen Fahrer rasten mehrmals an ihm vorbei, und vielleicht schaffte er gerade einmal die Hälfte der Distanz in der Zeit, die die semiprofessionellen Radsportler bis ins Ziel brauchten.
Aber bis zum Schluss sah man ihm die pure Freude an. Viele Zuschauer jubelten ihm zu. Er brauchte den Beifall nicht wirklich, genoss ihn aber.
Was machte ihn zum Gewinner? Nicht seine Geschwindigkeit. Nicht seine Perfektion. Seine Authentizität. Seine Präsenz. Seine Bereitschaft, dabei zu sein, auch wenn er nicht der Beste war. Und sind wir doch mal ehrlich: Wer hat den Jubel der Zuschauer wirklich wahrgenommen – er oder die schnellen Radsportler?
Das ist der Unterschied, der alles verändert. Perfektion ist eine Illusion, ein unerreichbarer Standard, der uns lähmt. Authentizität hingegen ist lebendig, atmend, menschlich und oft mit so viel Freude und Spaß verbunden.
Authentizität bedeutet: das zu geben, was wir in diesem Moment zu geben haben.
Mit dem Körper, den wir haben. Mit den Fähigkeiten, die wir entwickelt haben. Mit der Energie, die uns heute zur Verfügung steht.
Dein Bestes ist immer vollständig, weil es von dir kommt – und du bist immer vollständig.
Das ist keine Einladung zur Mittelmäßigkeit. Es ist eine Einladung, echt zu sein. Es ist der Unterschied zwischen dem verzweifelten Streben nach einem unerreichbaren Ideal und dem aufrichtigen Bemühen, sich jeden Tag etwas Gutes zu tun und für sich einzustehen.
„Show up every day.“ – Arnold Schwarzenegger
Einfache Worte, oder? Aber sie enthalten alles. Nicht: Sei jeden Tag perfekt. Nicht: Gewinne jeden Tag. Sondern: Sei da. Zeig dich. Mit dem, was du hast. Mit dem, wer du bist. Das ist der Kern authentischen Wachstums – nicht die spektakuläre Transformation, sondern die stille Beharrlichkeit, immer wieder aufzutauchen. Auf deiner Yogamatte. Deine Laufstrecke. In deinem Schwimmbad…
Die Angst, nicht gut genug zu sein oder nicht genug zu geben, kann uns im Weg stehen, wenn wir sie lassen. Anfänger müssen irgendwo beginnen. Wahrscheinlich wirst du beim ersten Versuch nicht großartig sein – es sei denn, du bist ein Wunderkind. Vielleicht bist du es nach Hingabe und Übung auch nicht. Und das ist auch vollkommen okay.
Vielleicht bedeutet wahre Authentizität nicht, perfekt zu sein wo du bist, sondern offen zu bleiben für das, was kommt.
Nicht verkrampft an einem Ideal festzuhalten, sondern beweglich zu bleiben. Wie ein Baum, der sich im Wind biegt statt zu brechen. Wie Wasser, das seinen Weg findet, ohne ihn zu erzwingen.
Authentizität ist keine starre Position, die wir erreichen und dann verteidigen müssen. Es ist ein ständiges Neu-Ausbalancieren. Ein Loslassen des Perfekten zugunsten des Lebendigen.
FÜLLE STATT MANGEL
Diese Erkenntnis – dass Vollständigkeit nichts mit Perfektion zu tun hat – zeigt sich überall in meinem Leben. Im Training. In Beziehungen. In der Art, wie ich meinen Tag beginne.
Wahres Wachstum entsteht nicht aus dem Gefühl des Mangels, sondern aus der Fülle, uns anzunehmen wie wir in diesem Moment sind. Wenn ich auf die Laufstrecke gehe, nicht weil ich ungenügend bin, sondern weil Bewegung mich lebendig macht – dann läuft es sich anders. Leichter. Freier. Entspannter.
Über Jahre auf meiner Yogamatte, auf der Laufstrecke, im Schwimmbecken oder auf dem Zeitfahrrad habe ich gelernt, die Aufmerksamkeit auf die Fülle meines Lebens zu richten und nicht auf den Mangel.
Om Purnamadah Purnamidam –
Aus Fülle kommt Fülle. Wenn man Fülle von Fülle nimmt, bleibt Fülle zurück.
Sagen wir mal, du beginnst mit der Yogapraxis. Nicht lang, aber regelmäßig. Irgendwann wirst du vielleicht bemerken, dass die Orte, deine Gedanken, dein Körpergefühl – vielleicht alles in deinem Leben, worin du zuvor Mangel gefühlt oder erlebt hast, sich plötzlich voller anfühlen. Denn wenn du dich als vollständig empfindest, füllt diese Yogapraxis nicht eine Leere, sondern ist etwas, was dein Leben zusätzlich bereichert.
Seit Jahren laufe ich mit einem Freund, der sich selbst – wie er immer wieder betont – als ewigen Laufeinsteiger bezeichnet. Kleine Runden, langsames Tempo, gleiche Strecken. Bringen mich diese Läufe im Training weiter? Nicht wirklich. Okay, sie sind eine ergänzende Grundlageneinheit für ein paar Kilometer mehr pro Woche. Aber darum geht es nicht. Ich laufe mit ihm, weil ich dabei sein möchte. Weil ich präsent sein möchte. Weil ich das Reden liebe, den Austausch, die gemeinsame Zeit.
Das ist Fülle. Nicht mehr Training, nicht schnellere Zeiten, nicht optimierte Leistung. Sondern die Vollständigkeit des Moments.
Die unbequeme Wahrheit? Disziplin, die aus Selbstliebe kommt, trägt weiter als Disziplin, die auf dem Streben nach Perfektion gebaut ist.
ALLES IST VOLLSTÄNDIG – AUCH DU
Unsere Tage bombardieren uns mit endlosen Botschaften, dass wir mehr brauchen und mehr sein sollten: mehr Spaß, mehr Erfolg, mehr Flexibilität, mehr alles. So wie jetzt auch im Januar. Die Werbung, egal ob Marke, ob Social Media Account, alles und jeder, wollen uns verkaufen, dass es mehr braucht, als das was ist.
Es ist ein nie endender Strom in unserer eigenen Psyche von allem, was wir nicht haben oder nicht sind.
Stell dir für einen Moment vor: Du bist vollständig. Du hast genug. Die Liebe, die du gibst, ist vollständig. Die Liebe, die du empfängst, ist vollständig. Deine Flexibilität ist ausreichend, woher du kommst ist richtig, und wohin du gehst ist stimmig. Das, was du hast und was du bist, ist vollständig.
In meinen frühen Jahren der Yogapraxis würde ich sofort den Januar durchexerzieren. 31 Tage täglich X Minuten Yogapraxis. 31 Tage XY machen und zack, besserer Mensch. Aber für wen, für was und warum überhaupt im Januar?
Dabei ist es ziemlich einfach. Weißt du, was das Beste ist? Ich muss mich nicht für irgendetwas verpflichten, was mir von außen auferlegt wird. Ich treffe nur eine einzige Entscheidung: Ich mache es – und was dieses ES ist, entscheide ich allein täglich, wöchentlich oder wann auch immer. Für mich.
DIE STILLE ZWISCHEN DEN ZIELEN
Die besten Durchbrüche entstehen nicht im Lärm des Strebens nach Perfektion. Nicht indem ich etwas abarbeiten muss. Sondern in der Stille des Seins. Auf langen Läufen. Während dieser wunderbaren langen Radausfahrten im Sommer zu meiner Familie. Unter der Dusche. In den Momenten, wo nichts anderes wichtig ist als der Atem und die Bewegung. Wo wir einfach sind, ohne perfekt sein zu müssen.
Wir haben nicht genug Stille in unserem Leben, weil wir nicht genug Alleinsein kultivieren. Und wir bekommen nicht genug Alleinsein, weil wir Stille weder suchen noch pflegen. Es ist ein Teufelskreis, der uns daran hindert, innezuhalten und wirklich zu reflektieren. Mir fällt das oft während der Arbeit oder beim Abarbeiten von To-Do-Listen auf. Manchmal kann man kaum durchatmen und einfach mal für sich in Ruhe sitzen und denken. Oder eben genau das mal nicht. Nicht denken, einfach nur sein.
Wenn wir uns erlauben, vollständig zu sein statt perfekt, schaffen wir Raum. Raum zum Atmen. Raum zum Denken. Raum zum Entspannen. Raum zum sich entfernen. Raum zum Wachsen.
Und merkst du es – in all dem Raum ist nie Rede von Perfektion! Meine Morgenroutine ist für mich ein Anker zu genau diesem Raum: Die kalte Dusche. Der Matcha. Das Morgenlicht. Die Zeit auf der Matte. Oder auf der Laufstrecke. Manchmal auch einfach nur ganz lang den Matcha genießen. Nicht als perfekte Routine, die ich niemals verpassen darf. Sondern als Moment der Ruhe, der mir diesen Raum schenkt.
An manchen Tagen ist sie kürzer. An manchen Tagen fällt sie aus. Und manchmal ist sie so lang, dass ich mein Telefon ausstelle, weil ich nicht gestört werden möchte. Und das ist alles okay. Es braucht keine Perfektion, um den Tag gut zu beginnen, sondern den Raum, um die Fülle des Morgens zu erleben.
DER MUT ZUR AUTHENTIZITÄT
Es braucht mehr Mut, ungeschickt weiterzumachen als perfekt aufzuhören.
Wir können von uns selbst nur verlangen, dass wir unser Bestes geben – nicht das objektiv Beste, sondern unser Bestes. Nicht das, was andere für das Beste halten. Sondern das Beste, was in uns steckt. In diesem Moment. Mit diesen Umständen. Mit diesem Körper.
Und manchmal ist unser Bestes: durchzuhalten. Manchmal ist es: loszulassen. Manchmal ist es: weiterzumachen. Und das, obwohl wir wissen, dass wir nicht perfekt sind und es auch nie sein werden. Aber wir können so sein wie wir wirklich sind. Einfach authentisch.
Also:
Was, wenn 2026 nicht das Jahr wird, in dem du endlich perfekt wirst oder eine Sache perfekt machst?
Was, wenn 2026 das Jahr wird, in dem du erkennst, dass du bereits vollständig bist – auch mit all deinen Unvollkommenheiten?
Was, wenn die größte Veränderung nicht darin liegt, perfekt zu werden, sondern authentisch und für das einzustehen, wer und was du bist.
Das ist nicht das Ende des Strebens. Das ist der Anfang des authentischen Wachstums. Das ist die Einladung, Perfektion loszulassen und stattdessen das zu sein, was du bist. Vollständig. Lebendig. Echt.
Für 2026 wünsche ich dir nicht, dass du perfekt wirst. Ich wünsche dir, dass du mit Freude dich selbst erlebst und daran wächst, wer du bereits bist. Authentisch. Präsent. Lebendig.
[Photo Credits: Oliver Eule / eiswuerfelimschuh.de] | Alle hier gezeigten Fotos wurden wie immer von Oliver Eule aufgenommen. Die Rechte an diesen Fotos liegen bei ihm und mir. Eine weitere Nutzung der Fotos ist in Absprache mit uns gerne möglich. Bei Interesse schreibt uns bitte eine E-Mail, um Details der Nutzung auf Social Media, Webseiten oder Printmedien zu klären.

